Jeder braucht ein Echo

In einer kleinen neuen Ausstellung geht das Alpine Museum dem Phänomen des akustischen Widerhalls nach – nicht nur in den Bergen, sondern auch in der Stadt.

Echojäger bei der Arbeit: Der Stimmkünstler Christian Zehnder auf dem Seealpsee.

Echojäger bei der Arbeit: Der Stimmkünstler Christian Zehnder auf dem Seealpsee.

(Bild: zvg)

Er sei mittlerweile schon fast Experte für Witterungsverhältnisse, sagt Christian Zehnder und lacht. Witterungsverhältnisse? Die lassen sich auf den ersten Blick nicht mit Zehnders Hauptbeschäftigung in Verbindung bringen, ist er doch klassisch ausgebildeter Bariton, der die Obertongesangstechnik beherrscht und sich vorzugsweise mit Performances beschäftigt, die irgendwo zwischen Jazz, neuer alpiner und zeitgenössischer Musik zu verorten sind.

Der Stimmkünstler hat aber auch die Plattform Echotops ins Leben gerufen, eine digitale Karte, auf der Orte vermerkt werden können, an denen sich besonders schöne Echos erzeugen lassen. Und damit es ordentlich widerhalle, müsse das Wetter stimmen, sagt Zehnder. «Schnee und Wind killen jedes Echo.» Deswegen konsultiere er oft Berichte von Gleitschirmfliegern, bevor er sich auf Echojagd begebe.

Mit seinem hochsensiblen Kunstkopfmikrofon, das etwa acht Kilo wiegt, hat Zehnder so manchen Berg erklommen, um den Widerhall seiner Jutze, Jodler und Schreie aufzuzeichnen. Sieben dieser gesammelten Echorufe sind nun im Alpinen Museum zu vernehmen, und zwar in der Ausstellung «Echo – Der Berg ruft zurück» im kleinen Schauraum Biwak. Über Kopfhörer kann hier mitgehört werden, wie der Stimmkünstler im Muotathal ein sechsfaches Echo erzeugt. Oder wie der Creux du Van mit imposantem Wanderecho auf Zehnders Rufe antwortet. Zudem rudert man akustisch über den Appenzeller Seealpsee und wandert auf die Schwyzer Toralp und den Bündner Elapass, wo die Gesteinsmassen freudig Zehnders Jutze zu erwidern scheinen.

So tönt der Tunnel

Allerdings ruft nicht nur der Berg zurück, sondern auch die Stadt. So antwortet die Kuppel der Markthalle Basel mit einem schnellen Flatterecho, während der Tunnel im Binntal ein bisschen nach Didgeridoo klingt. Eines der urbanen Echos dürfte vielen Berner Aareschwimmern bestens vertraut sein, antwortet doch die Lorrainebrücke neunbis zehnmal, wenn man sie im richtigen Winkel von unten adressiert.

Während man Zehnders Rufen und den Widerrufen auf Kopfhörern lauscht, tut sich einem eine reiche innere Bilderwelt auf. Nicht nur akustisch, sondern auch optisch wird reproduziert, denn die Hörstationen befinden sich vor einer verspiegelten Wand. Schliesslich nähert sich «Echo» dem Widerhall auch auf ganz anderen Wegen. So ist auch eine alte Echokanone ausgestellt, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts im aufkommenden Tourismus auf der Kleinen Scheidegg dazu verwendet wurde, interessiertem Publikum ein eindrucksvolles Echo vorzuführen. Selbstverständlich nur gegen einen ordentlichen Batzen Geld.

Weitere Hörstationen wurden mit kleinen Guckfenstern kombiniert, die sich mit dem Echo als Instrument in Medizin und bei Ortungssystemen beschäftigten. Hier kommen Fledermäuse und Delfine ebenso zum Zug wie das Ultraschallbild eines Ungeborenen oder die Abbildung und simple schematische Erklärung einer Radarfalle. Ein Guckfenster widmet sich zudem dem Phänomen des Widerhalls in der Musik; amüsant ist hierbei die Unmenge an Jodlerklubs, denen das Echo als Namenspate diente.

Das Ich in der Landschaft

An einer Station spricht Projektinitiant Christian Zehnder selber über seinen Antrieb, Echos bis über steile Geröllhalden zu jagen. Er sei fasziniert davon, sich als Individuum in der Landschaft klanglich wieder zu entdecken, sagt der Hobbyalpinist. Und tatsächlich hat es etwas Fesselndes und Mystisches, dem Berg beim Antworten und Vervielfältigen zuzuhören. Vielleicht hat die Faszination für das physikalische Phänomen auch damit zu tun, dass das Echo ein Grundelement des menschlichen Zusammenlebens ist. Jeder Mensch braucht Resonanz: Wer aussendet, der hofft, dass irgendetwas zurückkommen werde. Das geht nicht nur Echojägern so.

Ausstellung: Bis 27. Oktober

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