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Jahresrückblicke

«Wahrheit»-Kolumnist Alexander Sury erklärt Ihnen, wie sie quasi ewiges Leben erhalten.

zvg

Ich habe ein Problem. Heute Morgen wurde mir das am Kiosk bewusst, als mich die Titelseiten von «Schweizer Illustrierte» («Das war unser 2018» mit dem Hochzeitspaar Harry und Meghan) oder «Spiegel» («Chronik 2018») ansprangen. Das Jahr ist aber noch längst nicht zu Ende. Können wir es uns wirklich leisten, voreilig zu bilanzieren und einige wertvolle Wochen am Ende des Jahres als tote Zeit auf den Mist­haufen der Geschichte zu werfen?

Im Fernsehen ist es noch schlimmer, dort überbieten sich die Sendeanstalten im Bemühen, früher als die Konkurrenz einen als grosse Show inszenierten Jahresrückblick auszustrahlen. Bereits am 2. Dezember schaute auf RTL Günther Jauch in «2018! Menschen, Bilder, Emotionen» zur besten Sendezeit auf das zu Ende gehende Jahr zurück. Der gute Günther konnte also die historische Wahl von Viola Amherd und Karin Keller-Sutter in den Bundesrat am 5. Dezember nicht berücksichtigen. Noch schlimmer aus deutscher Sicht: Am 7. Dezember wählten die Delegierten der CDU nach dem Rücktritt von Angela Merkel eine neue Parteivorsitzende. Aber die Frau, die künftig krampfen und den Karren mit all den Parteibauern ziehen muss: Sie fehlte im RTL-Jahresrückblick. Wer RTL guckte, lebt möglicherweise immer noch in der Annahme, dass Merkel weiter Chefin des CDU-Ladens ist.

Das Ganze erinnert mich an einen «Bund»-Kollegen, der mittlerweile längst im verdienten Ruhestand ist. Er betreute unter anderem die Seite mit den vermischten Meldungen und stellte die Seite regelmässig schon am frühen Nachmittag fertig. Der Gatekeeper schloss die Schleusen und verwandelte den stetigen Informationsfluss in ein ruhendes Gewässer. Unfälle, Verbrechen, Naturkatastrophen oder Kapriolen von Prominenten: Sie alle hatten nach 15 Uhr keine Chance mehr auf Berücksichtigung. Der «Bund»-Kollege stellte sich unausgesprochen auf den Standpunkt, dass die Welt bis Redaktionsschluss gefälligst aufhören solle, sich um die eigene Achse zu drehen.

Schauen wir mal auf das letzte Jahr zurück und nehmen als Beispiel den 30. Dezember 2017. Was an diesem Tag passierte, hatte keine Chance, Aufnahme in einem Jahresrückblick zu finden. Da war zum Beispiel das fulminante Sturmtief Horst. In Payerne, der einzigen aerologischen Station der Schweiz, wurden mittels Ballonaufstieg um Mitternacht Winde von 330 Stundenkilometern gemessen. Am selben Tag starb der Musiker Hanery Amman – zur Unzeit, wenn man es aus der Logik der Jahresrückblicke betrachtet. Der Mitbegründer von Rumpelstilz und geniale Pianist wird sich vielleicht post mortem ins Fäustchen gelacht haben – er hat den Jahresrückblicken ein Schnippchen geschlagen und lebt nun sozusagen ewig weiter.

Beliebt sind ja auch die Anleitungen im Internet für einen persönlichen Jahresrückblick. Aufgefallen ist mir eine Dame, die den Jahresrückblick dreiteilt und nach den finanziellen und beruflichen Standortbestimmungen zur Frage animiert: «Abseits von Geld und Beruf – wie geht es Dir?» Diese Rückschau-Expertin fragt uns auch nach dem kurzen Moment, der sich eingeprägt hat. Nun ja, da kann ich mit einer Begegnung dienen. Es geschah am Bollwerk, auf dem Weg zum Berner Bahnhof, am 9. November um 17.33 Uhr. In Eile kreuzte ich eine Dame offensichtlich afrikanischer Herkunft. «Monsieur», sagte sie freundlich, schaute kurz auf meinen Schritt und machte dann mit den Händen die universal verständliche Reissverschluss-Geste.

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