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Irrsinnstiftende Gedankenspielhölle

Mit Schalk und kreativer Lust lotet die Berner Lyrikerin Andrea Maria Keller die Sprache aus. Ihre 55 «Juckreizwörter» sind listige Neuschöpfungen voller gesellschaftskritischer Sprengkraft.

Vom Amtsschimmelpilz bis zum Wortgewaltverbrecher: Andrea Maria Kellers Wortkombinationen im Fächerformat.
Vom Amtsschimmelpilz bis zum Wortgewaltverbrecher: Andrea Maria Kellers Wortkombinationen im Fächerformat.
zvg

«Filterblasenentzündung», «Gürtellinienrichter» oder «Plakatsäulenheilige». Wie konnten wir bisher überhaupt in Zeiten populistischer Überwältigungsversuche, #MeToo»-Dauertrommelfeuer und akuter digitaler Verdummung ohne diese Wörter auskommen? Es hat sie gejuckt, und sie hat es wieder getan. Das Sprachbergwerk der Berner Lyrikerin Andrea Maria Keller («Mäanderland») legt erneut listige Wortschöpfungen vor, welche die verspielt-subversive Seite dieser feinnervigen Poetin ins schönste Licht rücken.

Eine Verkuppelung zweier an sich unspektakulärer Wörter bzw. Komposita können fusioniert ungeahnte, mitunter durchaus explosive semantische Energien freilegen. Nehmen wir den «Charakteranlageberater», der uns möglicherweise in Sachen Selbstoptimierung von Körper und Geist als vermeintlicher Experte zur Seite steht. Zu seiner Kundschaft gehören auch die erschöpften und ratlosen «Hamsterradrennfahrer», die auf die Entwirrung ihres «Lebensfadenknäuels» hoffen.

«Widerspruchsreife» Begriffe

Von einer veritablen Wortsucht sei sie einst ergriffen worden, bekannte Andrea Maria Keller gegenüber dieser Zeitung, und so sammelte sie Hunderte von Wörtern und Kombinationen. Unter dem Titel «tagesdiebesgut» veröffentlichte sie vor vier Jahren eine Box mit 99 «wortschatzkarten». Und jetzt ist es ein im Verlag «vatter&vatter» erscheinender Wortfächer mit 55 «Juckreizwörtern», die sich vielleicht langsam in den Köpfen einnisten, allmählich in den Sprachgebrauch übergehen und eines Tages sogar die Wahrnehmung der Wirklichkeit verändern werden.

Zahlreiche von Kellers neuen Neologismen sind potenziell politischer als ihre Vorgänger in der Box. «Widerspruchsreif» in Stellung bringen sich etliche dieser Begriffe zum Beispiel gegen ein scheinbar alternativloses marktwirtschaftliches System, das dem «Wirtschaftswunderglauben» anhängt, «Buchhaltungsschäden» dreist vertuscht, der Öffentlichkeit mit einer «Trugschlussbilanz» Sand in die Augen streut oder «Kapitalverkehrsopfer» zynisch in Kauf nimmt.

Über die Liebe reden

Auch auf dem weiten Feld der Liebe hat die Autorin erneut lustvoll Sprachfenster aufgestossen, ein muffig gewordenes Vokabular gehörig durchgelüftet und uns damit neue Denkräume eröffnet. Wer will denn noch ernsthaft den permanenten«Beziehungsklimawandel» leugnen?

Alles ist da zwischen zwei Menschen im Fluss – und eine «Beischlafmütze», die das (sexuelle) Interesse am Partner verloren hat, muss sich darauf einstellen, dass er oder sie mit «Schamlippenbekenntnissen» konfrontiert wird; der verschmähte «Rosenkriegsveteran» auf der anderen Seite wird nämlich nicht endlos im ehelichen Stellungskrieg ausharren und sich stattdessen einem anderen «Herzkammerjäger» zuwenden.

Vernissage: Heute Donnerstag, 18 Uhr, Raum für gedruckte Feinkost, Progr Erdgeschoss West, Speichergasse 4, Bernvatterundvatter.de

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