In Stein gemeisselte Unschärfen

Hart und zart: Den Hauptpreis des Aeschlimann-Corti-Stipendiums 2017 erhält der gelernte Steinbildhauer Reto Steiner aus Frutigen.

Der prämierte Künstler ist auch ein Steinmetz: Reto Steiners «Reliefs (Indurit)», Cenja-Kalkstein, 45 x 40 x 15 cm.

Der prämierte Künstler ist auch ein Steinmetz: Reto Steiners «Reliefs (Indurit)», Cenja-Kalkstein, 45 x 40 x 15 cm. Bild: zvg

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Nicht auf einem Sockel stehen sie, nein, sie hängen an der Wand: Zwei massive Platten aus Kalkstein und eine aus Marmor. Behauen wurden sie mithilfe eines Steinmetz-Kompressors und zeigen weiche, gerundete Formen. Was genau wurde hier für die Ewigkeit in Stein gemeisselt? Sind es Denkmäler, Grabmäler?

Das Amorphe und scheinbar Weiche der Form – zwei gekrümmte Wulste erinnern an Flugzeugkissen oder an amöbenhafte Organismen, fünf übereinandergestapelte Rondelle an Hamburgerfleisch – steht im starken Kontrast zur Härte des Materials. Bei der Bearbeitung der Oberfläche ist im Unterschied zur klassischen Bildhauerei eine Umkehrung zu beobachten: Nicht das eigentliche Motiv ist hier glatt poliert, sondern der flache Umraum. Die beinahe sakrale Wirkung wird indes gebrochen durch die Assoziationen mit Alltagsgegenständen.

Eva Inversini, Präsidentin der Jury des Louise-Aeschlimann-und-Margareta-Corti-Stipendiums, lobt den Künstler Reto Steiner für seinen Mut und seine Risikobereitschaft. «Er geht zurück zu seinen Wurzeln und interpretiert das Material Stein neu, und dies in einer Zeit, in der die Steinbildhauerei in der Kunst für tot erklärt wird.»

Mit der Vergabe des Hauptstipendiums in der Höhe von 30'000 Franken würdigt die Jury über die eingereichte Werkgruppe hinaus auch das «schillernde Gesamtwerk» Steiners, welches der Künstler im Laufe der Jahre «unbeirrt und in grosser Eigenständigkeit» entwickelt habe.

Kennen Sie das «Indurit»-Gestein?

Der solcherart gelobte Schöpfer dieser drei Werke ist 39-jährig und ausgebildeter Steinhauer. Als Auskunftsperson in eigener Sache gibt er sich nüchtern. Programmatische Botschaften oder hochfliegende Interpretationen sind ihm nicht zu entlocken. 18 Jahre habe er gebraucht, um sich als Künstler wieder dem Stein zuzuwenden. Wichtig sei für ihn bei der Arbeit gewesen, ohne vorherige Skizzen loszulegen: «In zwei bis drei Stunden schälten sich dann die Formen heraus.» Die drei im Kunstmuseum präsentierten Reliefs hat Steiner aus einer Serie von zwölf Arbeiten ausgewählt.

Und was bedeuten die kryptischen Titel der Reliefs: «Duratan», «Indurit» und «Trikobalt»? Steiner grinst etwas verlegen. Anfangs habe er keine Titel gehabt («Ich komme nicht vom Wort her»), aber für die Archivierung seien sie praktisch: «Also habe ich mich bei den rund 100 fiktiven Gesteinsarten der Star-Trek-Reihe bedient.» Das Reservoir an Namen reicht demnach für eine ausgedehnte Serie.

Seit 1942 vergibt die Aeschlimann-Corti-Stiftung als eines der wichtigsten privaten Förderinstrumente für bildende Künstlerinnen und Künstler im Kanton Bern jährlich Stipendien an Kunstschaffende unter 40 Jahren. Dieses Jahr wurden aus 64 Eingaben 16 Teilnehmende für die Ausstellung ausgewählt – allein diese Selektion ist schon eine Auszeichnung. Auffallend war dieses Jahr der kleinere Anteil von Arbeiten aus dem Bereich Neue Medien. «Wir haben eine Rückkehr zu klassischen Ausdrucksformen wie Malerei und Skulptur festgestellt», sagt Eva Inversini.

Je ein Förderstipendium erhalten die 36-jährige Monika Stalder (10'000 Franken), die 34-jährige Eva Maria Gisler (10'000 Franken) und der 36-jährige Lukas Hofmann (15'000 Franken). Monika Stalders drei hochformatige Gemälde sprengen buchstäblich den vorgegebenen Rahmen und sind schräg an die Wand gestellt: die oberen zwei Drittel der Leinwand nimmt ein schwarzes Quadrat ein, das untere Drittel ist farblos.

Die drei Bilder leben vom Gegensatz der strengen Geometrie – die einzelnen Werke unterscheiden sich durch senkrechte und diagonale Linien – und dem durch die Verwendung unterschiedlich verdünnter Farbanteile bewegten «Innenleben».

Während Eva Maria Gisler mit formal unterschiedlichen Arbeiten wie Fotogrammen und einer Skulptur aus feinen Betonstreben die Grenzen zwischen Stabilität und Fragilität auslotet, hat Lukas Hofmann mit der Serie aus sechs grossformatigen Fotografien unter dem Titel «Bronx River Avenue, NYC» eine riesige Mauer im urbanen Raum abgebildet; deren abgeblätterter Putz weckt Assoziationen von der Höhlenmalerei über stilisierte Totentänze bis zur Streetart unserer Tage.

Eröffnung und Stipendienverleihung: Kunstmuseum Bern, Donnerstag 18.30 Uhr. Die Ausstellung läuft bis zum 11. Juni. (Der Bund)

Erstellt: 27.04.2017, 06:49 Uhr

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