«In der Lücke liegt die Möglichkeit zur Existenz»

Berner Woche

Die Performerin Annalena Fröhlich über Räume voller Echos und die Schönheit des Nichts.

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(Bild: zvg)

Xymna Engel

Vom amerikanischen Blockbuster-Kino bis zur aktuellen Ausstellung im Naturhistorischen Museum Bern: Die Apokalypse ist derzeit ein brennendes Thema. Auch Ihr Stück «Sonder» dreht sich um sie. Was sagt das über unsere Zeit?
Ich denke, dass wir tatsächlich ein kollektives Gefühl von Endzeitstimmung verspüren. Viele in unserer Generation glauben nicht mehr an die Welt, von der uns noch in der Schule erzählt wurde. Und es scheint, als hätte niemand eine wirklich kreative Idee, wohin wir gehen wollen, welche Gesellschaft wir sein wollen. Und dann wandelt sich auch noch das Klima, ganze Landschaften verändern sich. Das alles erzeugt eine apokalyptische Spannung in und unter den Menschen.

In «Sonder» wird die Apokalypse zur Poesie. In der Ankündigung des Stücks heisst es so schön: «Sie stürzen sich zusammen kopfüber in einen Raum der Illusionen und Echos.» Wie geht das?
Der Text ist der Versuch, in Sprache zu fassen, was ich und Fhunyue Gao mit Sound, Körper und Szenerie auf der Bühne kreieren. Wir simulieren seltsame Situationen, lassen Zimmer und Bilder vor den Augen der Betrachtenden entstehen und wieder verschwinden. Es gibt kein Versteck, keine krassen theatralen Tricks. Und doch entstehen Illusionen und assoziative Zwischenräume. Und irgendwie bleiben visuelle und hörbare Echos im Raum hängen.

Unorte, Einsamkeit, Dazwischenfallen: Diese Themen scheinen Sie schon lange zu beschäftigen, zum Beispiel in Ihren Fotografien. In den Stücken mit Ihrer Stammcompagnie deRothfils haben Sie auf der Bühne ja meist opulent angerichtet. Wird «Sonder» stiller?
Ich mag das Angedeutete, nicht klar Definierte. In «Sonder» arbeiten wir mit sehr wenig finanziellen und personellen Mitteln. Und trotzdem kommt das Stück nun irgendwie gross daher. Zusammen mit der Lichtdesignerin Mirjam Berger und der Szenografin Romy Springsguth haben wir uns die Kante gegeben, wochenlang in unterkühlten, aber tollen Fabrikräumen geprobt und alles selbst gemacht: Musik, Bühne, Kostüme, Licht, Performance, Produktionsarbeit usw. Alle Bühnenelemente und Kostüme sind entweder ausgeliehen, von anderen Stücken übernommen oder es sind Erbstücke. «Sonder» ist eine sehr freie, assoziative Arbeit. Die Ästhetik wie auch die performative Sprache ist eine sehr andere als die von deRothfils.

Ihr Stück heisst «Sonder». Ich vermute, es hat etwas mit dem Phänomen zu tun, das im Internet-Lexikon The Dictionary of Obscure Sorrows definiert wird: das Gefühl, wenn einem bewusst wird, dass jeder Mensch, der an einem vorbeigeht, eine eigene Geschichte in sich trägt. Was bedeutet «Sonder» für Sie?
Es ist ein schönes Gefühl, welches im Dictionary of Obscure Sorrows beschrieben wird. Aber im Wort «Sonder» liegt auch die Möglichkeit zum Aussergewöhnlichen. Es ist die Ausnahmesituation, der Sonderfall, das Absonderliche. «Sonder» klingt auch irgendwie unvollständig, da ist eben auch wieder diese Lücke, das Fehlen von etwas.

Worin liegt die Schönheit des Nichts?
Das Nichts ist ein Nullpunkt. Von da aus ist alles möglich und unmöglich zugleich. Diese Abwesenheit und gleichzeitige Möglichkeit von allem erzeugt eine Spannung und fordert die Fantasie heraus. In der Lücke liegt die Möglichkeit zur Existenz.

Der Bund

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