Zum Hauptinhalt springen

Bern ist die Stadt der Katzenleitern

«Architektur für die Katz»: Ein neues Buch erklärt, warum die Treppchen für die Samtpfoten gerade bei uns boomen. Und was das über die Berner sagt.

Manchmal ist die Katzenleiter so gut in die Fassade integriert, dass man sie suchen muss: Ansichten aus der Stadt Bern.
Manchmal ist die Katzenleiter so gut in die Fassade integriert, dass man sie suchen muss: Ansichten aus der Stadt Bern.
Brigitte Schuster (aus dem besprochenen Band)

Hat die Katze einmal den Duft der Freiheit geschnuppert, will sie nie mehr darauf verzichten. So etwa sagt es der Tierpsychologe Dennis Turner im Vorwort zum Buch «Architektur für die Katz». Es sei zwar durchaus möglich, Katzen in der Wohnung zu halten – aber nur, wenn sie nie die «Vielzahl der im Freien vorhandenen Reize» erlebt hätten. Sonst könne es sein, dass die Tiere Verhaltensstörungen entwickeln.

Ist die Katze also ein Haustier, das im Grunde kein Haustier ist? Vielleicht. Hierzulande gehen Katzen jedenfalls oft ganz autonom aus dem Haus und kehren zurück, wann es ihnen passt. Damit sie das tun können, braucht es aber gewisse Voraussetzungen: eine Katzenklappe an Tür oder Fenster – und sehr häufig auch eine Katzenleiter.

Diese treppenartigen Konstruktionen, auf denen die Vierbeiner auch in höhere Stockwerke gelangen, sind in Schweizer Städten so verbreitet, dass sie kaum jemandem auffallen. Es brauchte ein Auge von aussen, um auf dieses Phänomen aufmerksam zu machen, das längst zum Stadtbild gehört. Katzenleitern gibt es nämlich keineswegs überall auf der Welt. Aber in der Schweiz kommen sie vor, und zwar in besonders grosser Zahl.

Was auf die Tiere projiziert wird

Dies hat die deutsche Grafikdesignerin und Fotografin Brigitte Schuster festgestellt, als sie vor ein paar Jahren nach Bern gezogen ist. Sie begann, die Stiegen zu fotografieren, und stellte dabei fest, dass es unzählige verschiedene Varianten gibt: vom einfachen Typ «Hühnerleiter», der in Baumärkten erhältlich ist, bis zur Sonderanfertigung, die beim Schreiner in Auftrag gegeben wird.

Schuster streifte durch die Berner Stadtquartiere und erstellte eine Typologie der verschiedenen Modelle; bald schwebte ihr ein Buchprojekt vor. Die kantonale Design-Stiftung fand das Vorhaben unterstützenswert, und so präsentierte Schuster ihre Idee im Frühjahr 2018 an der Ausstellung «Bestform» im Kornhausforum. (Lesen Sie hier, was Brigitte Schuster vor anderthalb Jahren zu ihrem Projekt sagte.)

Nun ist das Buch «Architektur für die Katz» erschienen, und die über hundert Fotografien von Hausfassaden mit Katzenleitern zeigen nicht nur die oft originell in die Architektur integrierten Lösungen, sondern erzählen auch etwas über jene Menschen, die ihrer Katze den Aufstieg ermöglichen wollen. «Durch die Katzenleiter projizieren die freiheitsliebenden, selbstbewussten Schweizer Katzenbesitzer ihr Verhalten und ihre eigenen Bedürfnisse auf die Katze», schreibt Schuster. Eine relativ steile These, wie es zunächst scheint. Ist die Katzenleiter wirklich mehr als nur eine pragmatische Installation, die den unterschiedlichen Bedürfnissen von Vierbeinern und Haltern entgegenkommt?

Waghalsige türkische Katzen

In der Schweiz ist die Katze mit 1,5 Millionen Exemplaren das weitaus beliebteste Haustier (Hunde gibt es eine halbe Million). Das habe, schreibt Schuster, damit zu tun, dass ein Grossteil der Bevölkerung in Mietwohnungen lebe und Vermieter «eher stille Katzen als laute Hunde» akzeptierten.

Zudem ist es in den vom Durchgangsverkehr entlasteten Schweizer Stadtquartieren ohne weiteres möglich, eine Katze ins Freie zu lassen. In Deutschland und Österreich kommen Katzenleitern zwar auch vor, aber nicht in der grossen Zahl, wie Schuster sie in Bern angetroffen hat. In Nordamerika dagegen sind Katzenleitern praktisch inexistent; in vielen Bundesstaaten gibt es im Freien einen Leinenzwang, der auch für Katzen gilt. Darum gewähren manche Halter ihren Tieren Auslauf in eigens dafür eingerichteten Katzengehegen.

Dass anderswo in den Städten keine Katzenleitern existieren, muss aber laut Schuster nicht zwingend bedeuten, dass dort keine Katzen gehalten werden. In der 15-Millionen-Stadt Istanbul etwa fänden sich Tausende von Katzen, die ohne menschliche Hilfe Gebäude und Dächer erklimmen. Schliesslich liegt es in der Natur der Katze, auf Bäume zu klettern. Und Stürze aus fünf Meter Höhe sind in der Regel kein Problem.

Schweizer Katzenbesitzer dagegen haben offensichtlich das Bedürfnis, ihren Tieren einen gefahrlosen Zugang zur Wohnung zu ermöglichen: Manche der Katzenleitern haben Sicherheitsnetze, und auf gewissen Fensterbänken liegen Felle oder Kissen, die dem Vierbeiner das Warten auf den Einlass so komfortabel wie möglich machen sollen.

Gerade im Vergleich zur Situation im Ausland erscheint es durchaus plausibel, aus der grossen Verbreitung von Katzenleitern in der Schweiz etwas über die hiesige Mentalität herauszulesen. Die Aufstiegshilfe für die Vierbeiner bedient nämlich zwei gegensätzliche Bedürfnisse gleichzeitig: jenes nach Unabhängigkeit und jenes nach Sicherheit.

Katzenleitern erlauben es, dem Reiz der Freiheit zu erliegen, im Wissen darum, dass die Rückkehr ins behagliche Daheim jederzeit möglich ist. Sie bedienen eine ambivalente Sehnsucht, die den Schweizern tatsächlich nicht ganz fremd sein dürfte. Sind die Treppchen demnach gar ein Sinnbild der widersprüchlich ausgestatteten helvetischen Seele? Möglich wäre es.

Das Buch «Architektur für die Katz. Schweizer Katzenleitern» von Brigitte Schuster ist im Handel vergriffen und Ende Januar wieder lieferbar (Deutsch/Englisch Christoph-Merian-Verlag, Basel 2019. 320 S., 44 CHF). Unter info@brigitteschuster.com bzw. auf folgender Website ist das Buch aktuell noch erhältlich.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch