«Ich habe ihn nur einmal verzweifelt gesehen»

Andreas Hunziker hat das letzte Album «Instrumental» des Mundart-Komponisten Hanery Amman produziert. Dieser starb, als die Arbeiten noch im Gang waren.

Hanery Ammans wollte noch vor seinem Tod ein Instrumental-Album zu veröffentlichen, was nicht gelang. (Archivbild)

Hanery Ammans wollte noch vor seinem Tod ein Instrumental-Album zu veröffentlichen, was nicht gelang. (Archivbild) Bild: schweizer-illustrierte.ch

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Hanery Ammans grosser Wunsch war es, noch vor seinem Tod ein Instrumental-Album zu veröffentlichen. Sie sollten diesen Wunsch erfüllen, doch die Zeit hat nicht ganz gereicht. Woran ist es gescheitert?
Das Album war, bis auf kleine Details, im Kasten, als er gestorben ist. Ich brauchte danach eine Pause, bevor ich es endgültig fertigstellen konnte. Die Arbeit mit ihm war sehr intensiv und aufwühlend, da ich natürlich auch mitbekommen habe, dass er körperlich immer schwächer wurde. Ursprünglich schwebte ihm ein Studioalbum vor, mit Streichern und Orchester. Doch als seine Kräfte schwanden, haben wir uns entschieden, aus drei Live-Aufnahmen, die ich in Köniz, Rubigen und Interlaken mitgeschnitten hatte, ein Album zu produzieren.

Erinnern Sie sich an den Moment, als er sich eingestand, dass die Kraft für das letzte grosse Studiowerk nicht mehr reicht?
Ja, das war im August letzten Jahres. Also hörten wir uns das Live-Material an und begannen, die Spuren, die uns gefielen, zu definieren. Er hat eigentlich nie mit seinem Schicksal gehadert. Er war sehr gefasst und stand jeden Tag pünktlich vor dem Studio. Etwas, was man von ihm so nicht kannte.

Wie muss man sich die Zusammenarbeit mit jemandem vorstellen, der weiss, dass er bald sterben wird?
Es gab nur einen Moment, in dem ich ihn verzweifelt sah. Das war, als er eine Pianospur neu einspielen sollte und merkte, dass es nicht mehr geht. Doch bald setzte wieder sein Optimismus ein, und er zählte darauf, dass ich die Sache technisch löse.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Es war eine Bastelarbeit, da ich aus den drei Konzerten die besten Spuren zusammenmixen musste. Hanery war sehr beeindruckt, als er verstand, dass man eine Gitarre aus dem Rossstall Köniz in die Mühle Hunziken zügeln kann. Doch natürlich musste man dabei die Tempi anpassen oder gewisse Fehler ausbügeln. Ausserdem wollte Hanery, dass jeder Applaus, oder jeder Zwischenruf eliminiert wurde. Er wollte partout kein Live-Album haben. Was auch speziell war: Hanery konnte einen Song nicht anhand eines Rohmixes oder einzelner Spuren beurteilen, für ihn musste der Gesamteindruck stimmen, weshalb ich ihm stets fertige Mixe vorspielen musste.

Sie waren sein einziger Pianoschüler, sassen schon in jungen Jahren mit ihm im Studio und waren auch als Roadie mit ihm unterwegs. Was hatte er, was andere Musiker nicht hatten?
Zuerst natürlich ein Riesentalent. Und die Musik war sein Leben. Er hat alles dafür getan. Man stelle sich einen Maurer vor, der todkrank seine letzte Energie dafür gibt, ein Haus fertig zu bauen. Als Schüler habe ich viele harmonische Kniffe von ihm gelernt und als Roadie bei den Alpinistos waren vor allem meine diplomatischen Geschicke gefragt. Zwischen Polo und ihm hat es zuweilen fürchterlich gekracht.

Gekracht haben soll es auch, als Polo Hofer Ammans Stück „Kentucky Rose“ aufgriff, und daraus die berühmte „Alperose“ machte. Polo behauptete, das Stück wäre sonst in Ammans Archiv verstaubt. Sie kennen sein Archiv.
Genau. Ich denke, das stimmt so nicht. Hanery hatte das Album, auf dem das Stück zu finden war, fertig aufgenommen. Ich habe die Aufnahme bei mir im Studio. Nach dem Erfolg von „Alperose“ wollte er es nicht mehr veröffentlichen.

Liegt da noch mehr Material in Ihrem Studio herum?
Ja. Teilweise sind es nur Fragmente, es gibt Songs, die noch keinen Text haben, auf die er nur ein paar Silben brummte. Es ist heikel, wie man damit umgehen soll. Denn es gab schliesslich Gründe, warum er gewisse Sachen nicht veröffentlicht hat.

Hanery Amman war ohnehin nicht sonderlich produktiv. Warum?
Teils war es seinem Perfektionismus geschuldet. Dazu verhinderten seine gesundheitlichen Probleme – zuerst ein Tinitus, dann eine Krebsdiagnose – einen grösseren Output.

Warum hat sich kein Label für sein Instrumental-Album gefunden?
Wir haben gar nicht gesucht. Hanery gefiel die Idee, ohne Label zu arbeiten. Es ist nun bei cede.ch und Exlibris erhältlich.

Am Sonntag wird das Album getauft. Sie geben dabei das Hanery-Amman-Double und den musikalischen Leiter. Nervös?
Hanery Amman zu spielen ist sowohl technisch wie emotional eine Herausforderung. Doch ich freue mich. Seine letzte Band wird dabei sein, und diverse Gastsänger. Und auch HP Brüggemann ist am Üben. Wenn alles klappt, wird es einen ersten Kurzauftritt nach seinem Hirnschlag geben. (Der Bund)

Erstellt: 06.09.2018, 07:32 Uhr

Infobox

Andreas Hunziker war Keyboarder von Plüsch und führt in Goldswil bei Interlaken ein Tonstudio. Am Sonntag, 9. September wird das Album mit einem Konzert auf dem Bundesplatz im Rahmen der Veranstaltung „Race For Life“ getauft (18.30 Uhr). Neben dem musikalischen Leiter Andreas Hunziker konnten Musiker wie Philipp Fankhauser, Adrian Stern, Sandee, George, Roli Frei oder Christian Häni für das Konzert gewonnen werden. Zuvor treten auf dem Bundesplatz Marc Ammacher, Carrousel und George auf (ab 14 Uhr).

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