«Ich finde, jeder soll über seinen Tod entscheiden können»

Der Nachbar von Gregor Freis Vater wählt den Freitod. Wie es ist, die Kamera draufzuhalten, erzählt der Filmemacher im Interview.

Der Berner Filmemacher Gregor Frei

Der Berner Filmemacher Gregor Frei Bild: zvg

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Als Sie erfuhren, dass der Nachbar Ihres Vaters fand, er wolle mit 70 sterben, auch wenn er gesund sei: Was löste das in Ihnen aus?
Sie meinen, ob mich das schockiert oder gestresst hat? Nun, ich kannte Armin gar nicht anders als mit dieser Ansage. Und seit ich einmal ein halbes Jahr in einem Palliativheim gearbeitet habe, wo regelmässig Menschen starben, hat der Tod für mich nichts Düsteres oder Bedrohliches mehr. Als Filmemacher interessierte mich diese einmalige Geschichte natürlich sehr. Obschon der Film erst ein ganz anderer hätte werden sollen: Mein Vater hatte eine Geschichte über sein Tessiner Dorf im Sinn, und ich sollte nur Kameramann sein. Irgendwann übernahm ich das Projekt als Regisseur, und die Dorfgeschichte trat in den Hintergrund. Der Reiz, über einen solchen Entscheid einen Film zu machen, ist, dass er direkt zu ganz elementaren Fragen führt.

Ihr Vater hadert ja sehr mit Armins Entschluss, kann seine Zweifel aber nicht in Worte fassen, Armins Eloquenz nicht Paroli bieten. War das nicht auch schmerzhaft, da die Kamera draufzuhalten?
Absolut. Es war unerträglich zu merken, wie ungeduldig ich werde, wenn mein Vater solche Mühe hat, sich auszudrücken. Dazu kam, dass ich die Art, wie er Armins Entscheid kritisierte, nicht angebracht finde. Diese Meinungsverschiedenheit haben wir bis heute, es ist für uns nicht einfach, darüber zu sprechen.

Sie halten Armins geplanten Freitod also für legitim?
Ja, er hat in seinem Fall seine Richtigkeit. Jeder soll frei über sein Leben und seinen Tod entscheiden können, da sind unterschiedliche Haltungen möglich. Einer Person allerdings, die sich für den Freitod entscheidet, mit Kritik oder Ablehnung zu begegnen, ist falsch. Ich finde, man soll ihr das Gefühl geben, dass ihr diese Freiheit zusteht und dass sie das ohne schlechtes Gewissen tun können soll. Aber wie auch immer: Am wichtigsten ist mir, dass überhaupt über dieses Thema diskutiert wird.

Warum haben Sie sich dazu entschlossen, selber vor der Kamera zu stehen, als dritter Protagonist?
Als ich mit dem Film anfing, vor fünf Jahren, hatte ich sehr stark das Bedürfnis, mich auszudrücken. Mein erster langer Film nach dem Studium sollte einen persönlichen Bezug haben. Und ich bin überzeugt, dass Dokumentarfilme durch die Subjektivität eine zusätzliche Ebene bekommen. Letztlich ist es auch eine Frage der Fairness gegenüber den Protagonisten: Wenn mein Vater sehr persönliche, intime, auch angriffige Fragen beantworten muss, dann finde ich es nur richtig, wenn man sieht, von wem die kommen. Schliesslich erzählt «Das Leben vor dem Tod» auch eine Vater-Sohn-Geschichte. Und zu dieser gehört auch, dass ich mich trotz Meinungsverschiedenheit meinem Vater wieder annähere. Überhaupt erzählt der Film von der Schwierigkeit der Menschen, einander zu verstehen.

Hatten Sie nie Zweifel daran, dass Armin seinen Plan umsetzt?
Wer erlebte, wie kontrolliert Armin sein Leben führte, dem war klar, dass es unmöglich war, dass er diesen Entscheid kippen würde. Er definierte sich so sehr darüber, dass er völlig orientierungslos gewesen wäre, wenn er sich davon hätte lösen müssen. Oft werde ich gefragt, ob ich ihn mit dem Film nicht in Zugzwang gebracht habe. Ich stellte ihm diese Frage auch – und er lachte bloss laut heraus. Es ist so ein krasser Entscheid, dass er nicht von solch kleinen Dingen wie einem Film abhängt.

Der Berner Filmemacher Gregor Frei war einer von zehn Regisseuren von «Heimatland». Nun bringt er mit «Das Leben vor dem Tod» einen sehr persönlichen Dokumentarfilm ins Kino, in dem es um zwei Männer jenseits der Sechzig geht, die in einem Tessiner Kaff Nachbarn sind. Der eine, Godi, plant seinen Ruhestand, der andere, Armin, seinen Tod: Er habe genug gelebt, mit 70 soll Schluss sein. Godi ist Gregor Freis Vater – und er hat Mühe mit dem Entschluss seines Nachbarn.

Premiere im Kino Rex: heute Donnerstag, 18.30 Uhr, in Anwesenheit von Godi und Gregor Frei. (Der Bund)

Erstellt: 17.05.2018, 07:20 Uhr

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