Humor interessiert ihn nicht

Christoph Simon erhält den wichtigsten Kabarettpreis. Dabei will er sein Publikum zum Heulen bringen.

Er weiss, wie man Herzerwärmendes wieder beschneidet: Christoph Simon.

Er weiss, wie man Herzerwärmendes wieder beschneidet: Christoph Simon. Bild: Adrian Moser

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Scheu ist Christoph Simon eigentlich nicht. Seit zwei Jahren steht der Berner Schriftsteller nun hauptberuflich als Kabarettist auf der Bühne. Und gerade war er mit seiner Familie für zwei Monate in Südafrika in einem Camper unterwegs und ist an einem Gummiseil von der höchsten Brücke Afrikas gesprungen. Er brauche die Selbstüberwindung, sagt er. So redet nur einer, der weiss, was er kann. Jetzt aber hockt Christoph Simon im Café Sattler im Länggassquartier und wirkt seltsam grüblerisch. Der Zeitpunkt für unser Gespräch so kurz vor der Premiere seines neuen Soloprogramms scheint ihm ungünstig. «Im Moment bin ich nicht ganz sicher, ob ich etwas mache, das den Leuten Freude schenkt.» Dafür müsse er erst die Reaktionen des Publikums abwarten.

Denn ein Auftritt ist das eine: «Dastehen und mich auf meine Worte zu verlassen, macht mir keine Angst.» Geht es aber darum, über seine Kunst zu sprechen, reagiert Simon verzagt. Antworten muss man ihm regelrecht abringen. Ihm, der im Mai mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet wird – dem wichtigsten Kleinkunstpreis im deutschsprachigen Raum.

Vielleicht manifestiert sich hier die Berufskrankheit eines Geschichtenerzählers. Denn Christoph Simon weiss, wann ein Satz druckreif ist, und auch, wann er wie sein eigenes Klischee klingt. Dann bricht er ab, kommentiert seine Äusserung und will sie gleich wieder gestrichen haben. Die Tatsache, dass er nun selber die Hauptrolle in einer Erzählung spielt, scheint ihm nicht ganz zu behagen.

Anrührend bis trockenhumorig

Lieber verschwindet Simon als Autor hinter seinen Figuren. Klägliche, aber liebenswerte Existenzen bevölkern seine Geschichten. «Franz oder Warum Antilopen nebeneinander laufen» (2001) zum Beispiel ist ein anrührender Coming-of-Age-Roman über einen kiffenden Gymnasiasten, der relativ wenig auf die Reihe bekommt, aber doch weiss, was im Leben letztlich zählt.

Seit Simons letzter Publikation allerdings, dem trockenhumorigen Ratgeberhandbuch «Viel Gutes zum kleinen Preis» (2011), sind sieben Jahre vergangen. Die Bühne ist ihm dazwischengekommen: Zweimal wurde Christoph Simon seither Schweizer Meister im Poetry-Slam, und mit seinen beiden abendfüllenden Soloprogrammen ist er schon durchs ganze Land getourt.

So richtig zum Kabarettisten ist Christoph Simon trotzdem nicht geworden. Dafür interessiere ihn Humor an sich zu wenig, sagt er. «Sonst könnte ich auch einfach Witze erzählen.»

Worum gehts ihm dann? Wieder brütet Simon eine Weile, bevor es aus ihm herausschiesst: «Um Liebe, Freude, Mut, Zuversicht, Freundschaft, Dankbarkeit.» Er sagt es so schnell, als könnte man sich an den Worten verbrennen.

Ganz abwegig ist das nicht, denn wo es um herzerwärmende Themen geht, muss die Dosis stimmen, damit die Geschichte nicht in den Kitsch abrutscht. «Ich glaube zu wissen, wann ich mein Pathos wieder beschneiden muss.» Anschaulich wird das im Buch «Spaziergänger Zbinden» (2010): Die Hauptfigur ist ein redseliger Bewohner eines Altersheims, der einem Zivildienstleistenden in losen Abschnitten aus seiner Biografie erzählt. Also auch von seiner grossen Liebe, die so aufrichtig war, dass man es eigentlich nur schwerlich aushält.

Der Musiker und die Karrierefrau

Aber bei Christoph Simon verlieren gravitätische Momente schnell wieder ihren Ernst – auch auf der Bühne. «Mein Traum wäre, eine Geschichte zu erzählen, bei der man am Ende vor Freude und Rührung heult.» Naheliegend also, dass Simon für sein neues Programm das erbauliche Genre der romantischen Komödie gewählt hat. «Der Richtige für fast alles» handelt von einem Strassenmusiker, der einer Karrierefrau, die nicht mehr an die Liebe glaubt, doch noch einen Mann fürs Leben finden will.

Also auch ein Stoff, der sich für einen Roman eignen würde. Umgekehrt hätte sich Simon das letzte Stück «Zweite Chance», das sich um seine Kinder dreht, auch als Buch vorstellen können. Ob er eine Geschichte niederschreibt oder sie vorträgt, macht für Simon keinen grossen Unterschied, ihm geht es ums Erzählen. Trotzdem hat er das Rampenlicht in den letzten Jahren dem Schreibtisch vorgezogen. «Auf der Bühne kann man viel stärker ausscheren und Seitenwege zur Geschichte einschlagen.»

Kontrolliert abschweifen – das liegt Christoph Simon, der Ende März als Moderator durch die Preisverleihung des 12. «Bund»-Essay-Wettbewerbs führen wird. Obwohl er ja moderieren an sich «etwas Schlimmes» findet: zu viele Pflichtsätze. Und zu viele unberechenbare Situationen, ähnlich wie bei diesem Treffen, von dem sich Simon nicht viel zu erhoffen scheint: «Warum soll ein Gespräch mehr über den Künstler verraten als seine Kunst?»

Innere Widerstände überwinden, heisst es also einmal mehr für den einstigen Psychologie-Studenten. Vorangebracht hat es ihn schon immer.

Die Premiere von «Der Richtige für fast alles» morgen in der Cappella ist bereits ausverkauft. Weitere Vorstellungen: 3. bis 7. März sowie 10. bis 12. Mai. www.la-cappella.ch.

Die Preisverleihung des 12. «Bund»-Essay-Wettbewerbs findet am 27. März in der Dampfzentrale statt. (Der Bund)

Erstellt: 01.03.2018, 07:04 Uhr

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