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Humor, der von innen kommt

Braucht es zum Lustigsein ein Trainingsinstitut? «Wahrheit»-Kolumnistin Lena Rittmeyer hat da so ihre Zweifel.

Ist die Schweiz lustig? Eher nicht so. Zumindest verfestigten sich bei mir latente Zweifel, als ich vor kurzem einen Bericht über «Das Zelt» las, dieses Tipi der Ausgelassenheit, das momentan durch die Schweiz tourt und in dem ausgewählte Comedians Abend für Abend ein lachbereites Publikum bespassen. In Zürich steht das Zelt derzeit direkt neben einer Strafanstalt, und zwar jener mit dem härtesten Haftregime der Stadt. Es herrsche eine beklemmende Atmosphäre, sagte ein Rechtsanwalt beim Besuch. Wobei, im Gefängnis sicher auch. Badumtsch!

Aber nun gut. Amüsiere sich, wer will, dachte ich mir, bis ich las, wie sich eine «Zelt»-Besucherin über das Gesehene äusserte. Mit Trotz und vermutlich ein wenig Triumph in der Stimme verkündete sie: «Also ich finds lustig.» Leise Bedenken meinerseits kamen auf, schliesslich hat ja vorläufig niemand das Gegenteil behauptet.

Gottenfroh bin ich nun deshalb, dass sich drei Damen zum Ziel gesetzt haben, unser Land heiterer zu gestalten. Und sie wissen auch genau, wie das geht, denn sie haben sich am Trainingsinstitut HumorKom während zwei Jahren zu Humor-Trainerinnen ausbilden lassen. Nachdenklich hat mich zwar gestimmt, dass sich dieses in Konstanz befindet. Jetzt geben uns schon die Deutschen vor, worüber wir lachen! Keine fremden Witze!

Aber halt, jetzt bin ich schon in der ganz falschen Stimmung. Denn Humor sei eine Lebenseinstellung, haben die drei Spassmacherinnen gegenüber dem «Blick» erklärt. Und um das Geschäft mit der guten Laune professionell betreiben zu können, mussten sie erst mal ausgiebig Humor-Theorie und Humor-Geschichte büffeln. Ob sie wohl Pointen aus Mario Barths Bühnenprogrammen dialektisch beleuchtet haben? Jedenfalls sei sie richtige «Knochenarbeit» gewesen, die Auseinandersetzung mit der Lustigkeit.

Und natürlich muss man das Erlernte auch in der Praxis umsetzen können. Dazu gehört beispielsweise die Aufgabe, mit einer Gummiente in der Hand die Passanten in einem Einkaufszentrum nach einem Brunnen zu fragen. Sie wissen schon, für die Ente halt, hihi, Zwinkersmiley. Persönlich würde mir das Lachen auf der Stelle vergehen, seit wir wissen, wie das Interieur solcher Badetiere aussieht. Forscher haben ja vor kurzem massenweise Entchen aufgeschnitten und in den meisten eine grausliche braune Brühe vorgefunden.

In unserem Innern tummeln sich zwar auch verschiedenste Bakterienkulturen, vor allem aber steckt dort angeblich der Humor: Das Lachen hätten wir «in uns drin», sagen die lustigen Frauen. Man müsse es nur reaktivieren. Das macht man zum Beispiel, so führt es das Trio gleich vor, indem man sich gegenseitig mit einem Rahmbläser lustige Häufchen auf die Nasenspitzen drückt. Auch immer wieder herrlich: so tun, als würde man Zeitung lesen, aber – Obacht, jetzt kommt der Twist – das Blatt dabei verkehrt herum halten!

Wer sich dabei noch nicht vollends wegschmeisst, kann immer noch eine rote Clownnase aufstecken und «sich einfach vor ein Kaufhaus stellen und schauen, wie die Leute reagieren», schlägt eine Humor-Dozentin vom erwähnten Trainingsinstitut vor. Oder auch ganz pfiffig: Keinen Lappen suchen, wenn man aus Versehen seinen Kaffee umgestossen hat, sondern rufen: «Wer möchte sein Getränk dazukippen?»

Und, sind Sie schon vergnügt? Ich persönlich bin eher besorgt. Wenn das so weitergeht, wird unser Land zunehmend von Verrückten bevölkert, die gelbe Quietschentchen herumtragen, bewegungslos vor Läden stehen und Getränke verschütten. Also ich finds gar nicht so lustig.

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