Hülle ohne Inhalt

Das wieder aufgebaute Berliner Stadtschloss wird bald für Besucher geöffnet. Einziges Ausstellungsstück: das Gebäude selbst.

Noch sind die letzten Gerüste nicht entfernt, aber die Fassade sieht schon wieder aus wie einst: das wieder aufgebaute Stadtschloss in Berlin. Foto: Reuters

Noch sind die letzten Gerüste nicht entfernt, aber die Fassade sieht schon wieder aus wie einst: das wieder aufgebaute Stadtschloss in Berlin. Foto: Reuters

Wenn ein Gebäude nicht rechtzeitig fertig wird, verschiebt man die Eröffnung. Nicht nur beim Berliner Flughafen ist das so, auch bei Kulturbauten. Nur beim Humboldt-Forum im wieder aufgebauten Berliner Stadtschloss, dem Prestigeprojekt der deutschen Kulturpolitik, hat man sich für eine andere Lösung entschieden. Man hält am Eröffnungstermin fest und verschiebt die Inhalte.

Eine Entleerung in Raten. Denn nun muss auch die letzte verbliebene Schau, die zur Eröffnung im November fertig sein sollte, verschoben werden. Die geplante opulente Elfenbeinausstellung lässt sich nicht vor Frühjahr 2020 realisieren. Die Besucher, die im Herbst in das seit 20 Jahren geplante Humboldt-Forum strömen werden, erwartet ein Gebäude, das teils leer ist, teils nicht betretbar. Das einzige Exponat ist das Schloss selbst. Für ein paar Wochen zumindest, bis das Publikum wieder hinausgebeten wird, damit die Installation weitergehen kann.

Das alles wäre nicht passiert, hätte man die Klimaanlage wie geplant im Mai starten können. Dann wären die nötigen acht bis zwölf Wochen geblieben, um sie einzustellen, und ein paar Wochen, um sie stabil laufen zu lassen. Da dort aber überall noch gearbeitet wird, steht die Anlage vorläufig still. «Sie würde Staub ansaugen, wir würden echte Bauschäden verursachen», so eine mit dem Projekt vertraute Person. «Nicht einmal die grössten Optimisten würden davon ausgehen, dass sie vor Juli anlaufen kann.» Zu spät, um das Haus für die fragilen Objekte vorzubereiten.

Elfenbein ist empfindlich

Auch ohne das Problem mit der Klimaanlage wäre die Elfenbein-Ausstellung nicht fertig geworden. Viele der grossen internationalen Museen, die das Humboldt-Forum um knapp 150 Leihgaben gebeten hatte, sind nicht bereit, ihre kostbaren Elfenbeinstücke in ein Haus zu geben, das sich noch im Bau befindet. Abgesagt haben neben anderen das Victoria & Albert Museum, der Louvre und das Museum of Modern Art. Selbst die Berliner Museen wollen ihre Stücke nicht verleihen. Elfenbein ist gegenüber Schwankungen bei Luftfeuchtigkeit und Temperatur so empfindlich wie kaum ein anderes Material.

Die Haustechnik wurde noch nie getestet

Bittet ein Museum ein anderes um Leihgaben, legt es einen sogenannten Facility Report vor. Er enthält detaillierte Angaben zu den Bedingungen im jeweiligen Haus, zu Beleuchtung, Brandschutz, Sicherheitssystemen und Aufsichtspersonal bis hin zu detaillierten Klimadaten. Der Facility Report des Humboldt-Forums bleibt in vielen Punkten notgedrungen Auskünfte schuldig. Doch solange keine Daten existieren, werde man keine Leihgaben bekommen. Auch die komplizierte und unter grösstem Zeitdruck installierte Haustechnik wurde noch nie getestet. «Die Stunde der Wahrheit hat noch nicht geschlagen», so ein Beteiligter.

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