«High-Level-Wellness»

Das Performance-Kollektiv Latinlover zerpflückt im Schlachthaus-Theater die Blüten der Wellness-Industrie. Das Resultat reicht von wohltuend bis ermüdend.

Das Performance-Duo nimmt das Lebensberater-Ehepaar Lynne Rosen und John Littig auf die Schippe.

Das Performance-Duo nimmt das Lebensberater-Ehepaar Lynne Rosen und John Littig auf die Schippe. Bild: zvg

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Entwässerung, Hot-Stone-Massage, Wassertank-Schweben: Die Liste an Wellness-Angeboten, welche nicht nur das körperliche, sondern auch das seelische Befinden verbessern sollen, ist lang. Man kommt nicht umhin, so die Suggestion auf allerlei Kanälen, sich in unserer Zeit auch mal eine Auszeit zu genehmigen, herunterzufahren und seinem Körper Achtsamkeit zu schenken. Dass die Wellness-Industrie dabei allerlei wundersame Blüten treibt, zeigt zurzeit das Performance-Kollektiv Latinlover im Schlachthaustheater mit seiner ersten abendfüllenden Produktion «The 2017 Wellness Report».

Wellness im abstrakten Sinne wolle man sich im stündigen Programm vorknöpfen, erklärt das Performance-Duo Daniela Ruocco und Aldir Polymeris einleitend. Und um einen ersten intimen privaten Moment zu gestalten, habe man das Programm nicht in Papierform abgegeben, sondern werde es nun vorlesen. Damit steckt die Zuschauerschaft gleich mittendrin im ungewollt absurd-komischen Spannungsfeld, das entsteht, wenn Wohlfühlen auf Knopfdruck und unabhängig von der Umgebung erzeugt werden soll. Zu meditativen Frickel-Videos auf der Leinwand lassen sich Ruocco und Polymeris in der Yoga-Entspannungsposition Shavasana von zuversichtlichen Stimmen ab Band berieseln, dazu dampft ein Wasserkocher, dessen Inhalt später als reinigende Darmspülung verwendet wird. Des Weiteren warnt ein Medium vor Energievampiren, die einem Energieströme absaugen würden, und eine Arztfigur animiert dazu, den eigenen Körper Richtung High-Level-Wellness zu optimieren.

Ja, nein, jein

Mit ihrer episodenhaften Reihung gelingt es Ruocco und Polymeris, den Widerspruch zu entlarven, den die Paarung von Wohlfühlbestreben und Leistungsgedanke mit sich bringt. Zwischendurch tun sie dies auf beissend komische Art, etwas wenn der EDA-Mediator während des reinigenden Einlaufs so gar nicht von seinen Job-Problemen lassen kann. Ein starker Moment gelingt, als das Performance-Duo zu Aufnahmen einer amerikanischen Radioshow ab Band nur die Lippen bewegt und dabei die Hohlheit von wiedergekäuten Lebensglück-Phrasen offenlegt. Pikant: Die Aufnahmen stammen aus «The Pursuit of Happiness», also derjenigen Radiosendung, in welcher das Lebensberater-Ehepaar Lynne Rosen und John Littig dazu aufforderten, die Komfortzone zu verlassen. Kurze Zeit später nahmen sich beide gemeinsam das Leben.

Eine risikofreudige und relevante Abhandlung des kontroversen Verhältnisses von Wohlbefinden und Wohlstand verspricht die Ankündigung von «The 2017 Wellness Report». Risikofreudig? Auf jeden Fall, so werden einzelne «Wellness-Methoden» so lange ausgereizt, bis einem als Zuschauerin physisch unwohl wird oder man zumindest ungehalten wird ob der stumpfen Repetition. Relevant? Ja, weil hier eine Absurdität unserer Gesellschaft gespiegelt wird. Jein, weil dramaturgisch mehr Stringenz hätte herausgeholt werden können. Nein, weil einen einzelne Episoden ratlos zurücklassen und zeitweilig etwas arg gezwungen agiert wird.

The 2017 Wellness Report, Schlachthaus-Theater, bis Dienstag, 3. Oktober. (Der Bund)

Erstellt: 30.09.2017, 08:21 Uhr

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