Heitere Wiederbelebung

Als Associated Artist der Dampfzentrale lädt Conrad Lambert zur gemeinsamen, ausserreligiösen Klangzeremonie. Ein Anruf beim Weltenbummler.

Seine Wahlheimat ist derzeit die Wüste: Conrad Lambert alias Merz.

Seine Wahlheimat ist derzeit die Wüste: Conrad Lambert alias Merz. Bild: zvg

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Vor zwanzig Jahren, auf der Höhe der Britpop-Welle, war «Cool Britannia» noch eine zuversichtliche und aufgeschlossene Insel. Wenig deutete auf eine Zeitenwende hin. Trotzdem entschied sich Conrad Lambert alias Merz, Interpret des Radiohits «Many Weathers Apart», kurz vor dem Millennium gegen das Popgeschäft und gegen sein Major-Label. Wanderschaft und Sinnfragen tragen ihn später unter anderem nach Bern, wo der Multiinstrumentalist und Songwriter sein Schaffen fortsetzt. Es ist schwer zu überblicken und geprägt von Kollaborationen und Ortswechseln.

In der Dampfzentrale wurde er nun zum Associated Artist berufen, und der erste Akt dieser Zusammenarbeit verspricht, eine zeremonielle Klangforschung zu werden: Gemeinsam mit dem Ambient-Pionier Laraaji lädt Merz zu «A Monastic Gig» – einem mönchischen Konzert. Zeit für einen Anruf bei Lambert, dessen Internetverbindung gerade streikt. Es heisst, er habe sich in der kalifornischen Mojave-Wüste zurückgezogen, in Joshua Tree. Fürwahr: «Ich lebe normalerweise gerade in einer der trockensten Gegenden der Welt. Doch im Moment bin ich in den Penninen, zwischen Manchester und Leeds. Ein paar Sachen erledigen.»

Filmreife Stationen

Man müsste diesem Mann eigentlich ein Filmteam aufhalsen, so poetisch wählt er sich die Ortschaften aus. Mit Matthew Herbert produzierte er ein Album in den Alpen, ein anderes direkt an der britischen Küste, und nun muss man sich sein Zuhause zwei Stunden westlich von Los Angeles im Nirgendwo vorstellen. «Ein radikaler Umgebungswechsel beeinflusst die Kreativität augenblicklich», sagt Lambert. Das funktioniere in romantischer Hinsicht, aber auch systematisch: «Mit etwas Mut ist ein Umzug ein gutes Mittel, um sich künstlerisch wiederzubeleben.»

Revitalisierend dürfte auch «A Monastic Gig» wirken, eine ätherische audiovisuelle Zeremonie, in welcher dem Publikum das Klatschen untersagt ist. Demut, Stille und Respekt sollen anstelle des Applauses treten, gleich einer ausserreligiösen Messe. Der Sänger und Zither-Spieler Laraaji ist neben seiner Arbeit mit Brian Eno auch für Lachmeditation bekannt. Tiefe Spiritualität begreifen beide Musiker als heitere Angelegenheit, sowie auch als Auftrag. «Es herrscht grosser Zynismus gegenüber institutioneller Religion und Moral, und das aus gutem Grund. Die menschlichen Erfahrungen sind abgeflacht, und ich versuche sie in ihrer ganzen Tiefe zu ergründen, weil ich es gesellschaftlich für gesünder halte, wieder die Empathie und das Zuhören zu stärken», erklärt Lambert.

Menschen scheinen friedfertig

Wie in seinem Songwriting bringt er Motive und Ideen zur Sprache und greift sie wenig später spielerisch wieder auf. Er sieht die Kreativität in der Pflicht, den Menschen durch die Gegenwart zu begleiten, und spricht von seinem Heimatland als ein knöchernes Skelett, das bald zu Pulver zu zerfallen droht.

Das klingt ernst, doch nie nach heiligem Ernst. Die neuen Sinnangebote der New-Age-Bewegung hält Lambert inzwischen für ebenso verkümmert wie die kirchlichen. Viel Gutes werde vom Menschen zugrunde gerichtet, sagt Lambert leicht amüsiert: «Menschen nehmen Yoga und Meditation sehr ernst und rücken damit wieder ihre Ideologie ins Zentrum. Dabei brauchen wir das Gegenteil davon. Die Folge ist verblüffend: Die Menschen scheinen friedfertig, sind aber eigentlich passiv aggressiv.» Seine Art von Ausschweifung übte Lambert schon in langen experimentellen Konzerten, etwa gemeinsam mit Julian Sartorius und Shahzad Ismaily. Seinen hellen Gesang und seine Gitarre ergänzt er gerne auch in Richtung elektronischer Sphären.

Vernetzte Askese

Die Wahlheimat Wüste lässt Lambert an Ägypten denken, die Ursprungsstätte des christlichen Mönchtums. So kam ihm die Idee für «A Monastic Gig» sehr schnell. Die Fügung wollte es so, dass der 75-jährige Laraaji gerade in Europa unterwegs ist. Ebenso, dass der engagierte Videokünstler Jeb Ochmanek Laraaji zu seinen elementaren Einflüssen zählt. Lambert wusste es nicht im Vorfeld, doch seine Mischung aus Netzwerk und Askese scheint solche Zufälle zu begünstigen. «Laraaji ist ein Guru», sagt er, «der seinen Geist mit unfassbarer Wonne zum Ausdruck bringt.»

Beide Künstler werden Improvisationen und eigene Stücke einbringen, zum Erschaffen neuer Musik treffen sie sich zwei Tage vor dem Konzert. «Es wird ein sehr ursprüngliches Werk», sagt Lambert. Für neue Sinnangebote wird er als Associated Artist weiterhin auf Kollaboration setzen. «Es ist ein ähnliches Prinzip wie umziehen», sagt er. «So bleibt die Kreativität am Leben.» Seine heitere Spiritualität stellt nicht sich selbst, sondern den Menschen ins Zentrum.

Dampfzentrale Mittwoch, 13. Juni, 20.30 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 07.06.2018, 07:53 Uhr

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