Heilsbringer und Teufelszeug

Der Chemiker Albert Hofmann entdeckte vor 75 Jahren das Halluzinogen LSD. Später nannte er die Substanz sein «Sorgenkind». Eine Ausstellung in der Schweizerischen Nationalbibliothek rollt die Geschichte des Stoffs auf.

Kunst auf Löschpapier: Albert Hofmann auf einem «Blotter, dem meist aus dickerem saugfähigem Papier hergestellten Träger von LSD. Die kristalline Droge wird in Form einer Lösung auf dem häufig bunt bedruckten «Blotter» gespeichert.

Kunst auf Löschpapier: Albert Hofmann auf einem «Blotter, dem meist aus dickerem saugfähigem Papier hergestellten Träger von LSD. Die kristalline Droge wird in Form einer Lösung auf dem häufig bunt bedruckten «Blotter» gespeichert. Bild: SNB

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er zieht einen magisch an. Inmitten einer sterilen Laborsituation mit kleinen Kuben, die aus Metallstangen und weissen Plastikstreifen gebaut sind, steht der Pilzstein in einer Vitrine. Unter dem Dach des Pilzhuts ragt der Kopf eines Indianers aus dem Stiel hinaus. Dieser Pilzstein stand auf dem Arbeitstisch des Chemikers Albert Hofmann (1906–2008). Für ihn war diese kleine Statue, die einem Original aus dem ersten Jahrtausend vor Christus in Mexiko nachgebildet ist, der Beweis dafür, dass psychoaktive Substanzen schon lange von Menschen benutzt und bei schamanistischen Praktiken eingesetzt wurden.

Dabei war dieser Albert Hofmann kein schwärmerischer Ekstatiker, im Gegenteil. Der promovierte Chemiker war vielmehr ein penibel forschender Naturwissenschaftler im weissen Kittel; er arbeitete für den Pharmakonzern Sandoz und versuchte 1943, aus dem Pilz Mutterkorn ein Kreislaufstimulans abzuleiten. Mitten im Zweiten Weltkrieg war in der Schweiz die «Anbauschlacht» zur Sicherung der Ernährung in vollem Gang. Im Emmental jedoch machten Bauern im Auftrag von Sandoz etwas, was fast an Sabotage zu Grenzen schien: Ausgerüstet mit Pistolen und Impfbrettchen steckten sie auf Roggenfeldern bewusst die Ähren mit dem Mutterkornpilz an.

Der Selbstversuch

Sandoz hatte aus dem Pilz bereits in den 1920er-Jahren das Medikament Ergotamin hergestellt. Hofmann sollte herausfinden, was aus dem Pilz noch herauszuholen sei. Er analysierte die Bestandteile des Pilzes akribisch und extrahierte unter anderem den Stoff Lysergsäurediethylamid. Auf ungeklärtem Weg, möglicherweise über die Hände, gelangte eine kleine Menge der bislang unbekannten Substanz in seinen Organismus.

Die Folge: Albert Hofmann war am 16. April 1943 der erste Mensch, der einen LSD-Trip erlebte. Drei Tage später schluckte er im berühmt gewordenen Selbstversuch erneut LSD und fuhr unter starken Halluzinationen mit dem Fahrrad nach Hause. Hofmanns fünfseitiger Bericht über den Trip ist ebenso wie sein Eintrag ins Laborbuch in der von Hannes Mangold kuratierten Ausstellung «LSD – Mein Sorgenkind» in der Schweizerischen Nationalbibliothek zu sehen. Der Titel der Ausstellung nimmt die Autobiografie Hofmanns aus dem Jahr 1979 auf, mit der der «Vater von LSD» in die öffentliche Diskussion über die Substanz einzugreifen versuchte. «LSD ist mit der Geschichte der Schweiz eng verbunden», stellt Hannes Mangold fest, «deshalb ist es auch ein Thema für eine Ausstellung in der Nationalbibliothek». Und mit Bern verbindet Hofmann noch etwas: Sein Nachlass befindet sich seit 2013 im Archiv des Instituts für Medizingeschichte.

Die Büchse der Pandora

Der damals 37-jährige Chemiker hatte eine Büchse der Pandora geöffnet. LSD eroberte als begehrter Schweizer Exportartikel die Welt. Es wurde wahlweise als Wunderdroge gepriesen und als Teufelswerk verdammt, gelangte in den 1950er-Jahren als Delysid teils ohne Wissen der Patienten in der Psychiatrie zum Einsatz und diente in den 1960er-Jahren in der Flower-Power-Gegenkultur als Rauschdroge, um die Pforten der Wahrnehmung zu erweitern. Mit den Hippies verliess LSD die klinischen Räume von Forschungseinrichtungen und psychiatrischen Kliniken endgültig und wandelte sich zu einer Droge der Popkultur.

In der Ausstellung sind auch zwei Künstler präsent, die Drogen zur Inspiration benutzen: Der Berner Schriftsteller und Psychiater Walter Vogt unterhielt mit Hofmann einen intensiven Briefwechsel, experimentierte selber mit LSD und diskutierte auch offen die Geschichte seiner Drogenabhängigkeit, Der Schweizer Künstler Serge Stauffer wiederum nutzte seine LSD-Erfahrungen jenseits gängiger psychedelischer Kunst zu einem eigenständigen Werk mit Collagen, konkreter Poesie und optischen Illusionen. In Anlehnung an Marcel Duchamp entwickelte er «Rotoreliefs». In der Ausstellung werden die farbig bedruckten Kartonscheiben auf einem Plattenspieler in Szene gesetzt. Rotieren sie in der richtigen Geschwindigkeit, entfalten die Spiralmuster eine dreidimensionale Wirkung

Die Löschblatt-Kunst

Ausgerechnet im Jahr 1968 wurde – Ironie der Geschichte – der Handel mit LSD verboten. Das Verbot sei aber vor allem auf den Contergan-Skandal zurückzuführen, sagt Kurator Hannes Mangold. Das schwangeren Frauen als Beruhigungsmittel verschriebene Arzneimittel hatte zu gravierenden Missbildungen der Föten geführt. «Die Auflagen für Versuche wurden deshalb viel strenger», sagt Mangold. Spannend ist in der Ausstellung zu verfolgen, wie sich der Gebrauch und die Bewertung von LSD wandelten: 1968 diente LSD als Ausstieg in eine andere Welt.

Heute steht der Stoff im Zeichen eines besseren Funktionierens innerhalb der bestehenden Ordnung. LSD ist immer noch die fünfthäufigste konsumierte illegale Droge in der Schweiz – meist via den Träger Löschpapier («Blotter»), die optisch oft ein «Trip vor dem Trip» sind und eine eigene Ästhetik hervorgebracht haben. Regelmässig wird auf diesen «Blotter» auch Albert Hofmann die Reverenz erwiesen, sei es in Form von Porträts im psychedelischen Farbenrausch oder im Comic-Stil seine legendäre Fahrt auf dem Velo aufnehmend.

In den 1990er-Jahren breitete sich, ausgehend von der Computerbranche, die Einnahme von LSD mittels Spraydosen aus. Der Vorteil: Die Substanz lässt sich verdünnen und in geringen, die Leistungsfähigkeit erhöhenden Dosen einnehmen. Eine zweite Tendenz hat Hofmann kurz vor seinem Tod noch mit Genugtuung registriert: Das therapeutische Potenzial von LSD ist wieder vermehrt ein Thema in der klinischen Forschung – untersucht wird etwa, welche Hirnregionen beim Konsum aktiviert werden – und könnte im psychiatrischen Bereich bei Depressionen und Angstzuständen möglicherweise schon in naher Zukunft wieder eingesetzt werden. Hofmanns Hoffnung, dass sich sein Sorgenkind eines Tages in ein Wunderkind verwandeln wird, erscheint heute weniger fantastisch als auch schon.

Die Ausstellung in der Schweizerischen Nationalbibliothek dauert bis zum 11. Januar 2019. Offen: Mo–Fr 9–18 Uhr (Der Bund)

Erstellt: 08.09.2018, 08:18 Uhr

Artikel zum Thema

LSD kam aus dem Emmental

Beat Bächi erforscht den Nachlass des Chemikers Albert Hofmann und dessen Drogenentdeckung vor 75 Jahren. Der LSD-Hersteller sei etwas «bünzlig» gewesen. Mehr...

«Ich bin von LSD überzeugt»

Peter Gasser therapiert schwer versehrte Patienten mit Halluzinogenen und sieht darin ein grosses Potenzial. Der Psychiater spricht im Interview über die Wirkung von LSD. Mehr...

«LSD hat er mir nie angeboten»

Wenn der eigene Grossvater Erfinder einer weltberühmten Droge ist: Chemiker Simon Duttwyler über Albert Hofmann. Mehr...

Kommentare

Blogs

Sweet Home Zeit, sich ums Esszimmer zu kümmern

Tingler Schreiben Sie Tagebuch?

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...