Groschenprosa für Gutmenschen

Für das Nachrichtenmagazin «Spiegel» geht es im Fälscherskandal nun um alles. Der redliche Journalismus aber kann nur profitieren.

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Michael Marti@michaelmarti

«Keine Angst vor der Wahrheit», so lautet der pathosschwere Slogan des deutschen «Spiegels», einer der weltweit bislang namhaftesten Medienmarken überhaupt. Seit den Enthüllungen von Mitte Woche muss man sich indessen fragen, ob «Kein Respekt vor der Wahrheit» nicht zutreffender wäre. Denn seit Mitte Woche ist bekannt, dass einer der renommiertesten Schreiber des Blattes, der 33-jährige Claas Relotius, über Jahre systematisch und mit hoher betrügerischer Energie Artikel gefälscht hat.

Es sind Dutzende gefakte Stücke, Reportagen über erbarmungswürdige Flüchtlingskinder, primitive Trump-Verehrer oder sadistische Bürgerwehren. Vermeintlich brillante Geschichten, vom Publikum verschlungen, von den Kollegen bewundert, von Fachjurys mit Preisen überhäuft. Es ist der grösste Betrugsfall in der deutschen Mediengeschichte seit den gefälschten Hitler-Tagebüchern von 1983.

Ein Skandal, der zu Recht weit über die Branche hinaus Wellen schlägt, für den indessen keineswegs ein skrupelloser Ehrgeizling allein verantwortlich ist. Der Fall Relotius zeigt das Versagen eines Systems und einer publizistischen Strategie auf. Und hoffentlich bedeutet er den Abschied vom seligen Glauben an ein journalistisches Genie, das allein kraft der Worte uns die Welt erklärt in stimmigen Geschichten, in denen Gut und Bös klar geschieden sind; dies in einer Zeit, da wir uns fortwährend verwirren und verlieren im digitalen Info-Gewitter.

Relotius steht prototypisch für den «Spiegel»-Starschreiber neuester Generation. Bloss: Das meiste ist erfunden.

Der Fall Relotius erzählt viel über den Niedergang des deutschen Magazinjournalismus. Früher, da war der «Spiegel» das «Sturmgeschütz der Demokratie», seine Redaktoren schossen Schwergewichte wie Franz Josef Strauss vom Ministerstuhl, die Redaktion deckte Staats- und Wirtschaftsaffären auf, 1982 den Flick- und den Neue-Heimat-Skandal oder 1987 die Barschel-Affäre.

Doch wegen des sich wandelnden Publikumsinteresses, angesichts der Konkurrenz von Privatfernsehen und Internet verlegte sich der «Spiegel» auf Servicegeschichten («Hilfe bei Rückenschmerzen»), Gesellschaftsstücke («Glücklich in der Patchwork-Family»). Seine bestbezahlten Autoren wandten sich ab von fachlich anspruchsvollen, mitunter riskanten Recherchen in den Machtfeldern von Innenpolitik und Wirtschaft.

So steht Relotius prototypisch für den «Spiegel»-Starschreiber neuester Generation. Er lieferte engagierte Reportagen aus Kuba, aus dem Libanon, aus Syrien, aus den USA, aus Mexiko. Er flog hin, arbeitete mit Übersetzern und Führern. Und klaubte und klaute später im Internet zusammen, was er vor Ort nicht verstanden oder nicht vorgefunden hatte.

Zurück in Hamburg, dichtete er seine Storys, die uns die Globalisierung erklären wollen, das Migrationselend oder die allgemeine Verblödung Amerikas. Man liest in diesen detailversessenen Geschichten, was sich in den Köpfen von Guantánamo-Häftlingen abspielt, wie es in IS-Kerkern aussieht, welche Lieder Flüchtlingskinder singen. Bloss: Das meiste ist erfunden.

Dieser junge Tausendsassa schien ihnen zu beweisen, dass Journalisten eben immer noch mehr sind als einfache Berichterstatter.

Aber Relotius Chefs waren begeistert, die Jurys entzückt. Denn dieser junge Tausendsassa schien ihnen zu beweisen, dass Journalisten eben immer noch mehr sind als einfache Berichterstatter. Wortgewaltige Erzähler nämlich, Welterklärer.

Doch das ist nicht alles. «Jaegers Grenze», die Story, mit der Relotius aufflog, führt vor Augen, wie dieser nicht nur mit seinen Kollegen paktieren konnte, sondern, und das ist womöglich die bitterste Lehre aus dem Skandal, ebenso mit dem Publikum. «Jaegers Grenze» ist eine herzrührende Story. Sie erzählt vom Leid der honduranischen Flüchtlingsmutter Aleyda auf der einen Seite der mexikanisch-amerikanischen Grenze und von der Erbarmungslosigkeit texanischer Bürgerwehren auf der anderen.

Wiederum hat Relotius Entscheidendes erfunden oder manipuliert. Aber die Moral der Story entspricht so exakt dem Weltbild des linksliberalen «Spiegel»-Publikums, dass man geneigt ist, von Groschenprosa für Gutmenschen zu sprechen.

Wie konnten alle nur diese einfache Wahrheit vergessen? Journalismus, der überall ankommt, kann nie guter Journalismus sein.

Der «Spiegel» muss auch die Stücke von denjenigen Autoren prüfen, die sich am Fake-Helden ein Vorbild nahmen.

Relotius Fabelgenre steht für eine publizistische Strategie, die der «Spiegel» eingeschlagen hat. Darob verpasste das Medium, entschlossen in redliche journalistische Entwicklungen zu investieren, Datenauswertung etwa, digitales Storytelling. In Technologien, die den Journalismus besser machen. Überprüfbarer, transparenter. Nützlicher. Wie das geht, machen unzählige seriös arbeitende Kolleginnen und Kollegen vor. Und insbesondere angelsächsische Titel zeigen, dass diese Anstrengungen kommerziell erfolgreich sind.

Für den «Spiegel» ist die Krise maximal. Allenfalls erfasst der Skandal bald weitere Medientitel, die Texte von Relotius abnahmen: In der Schweiz tat dies «Die Weltwoche» 28-mal, vor allem Interviews.

Doch dem «Spiegel» - einem Titel notabene, bei dem selbstverständlich auch unzählige engagierte, souveräne und ehrenhafte Kolleginnen und Kollegen arbeiten - sei jetzt schon geraten, nicht nur Relotius Storys allesamt zu überprüfen. Vielmehr müssen jetzt auch die Stücke von denjenigen Autoren geprüft werden, die sich am Fake-Helden ein Vorbild nahmen. Und ähnlich fantastische Stücke verfassten.

Nun kann in Hamburg ein mutiger Beweis erbracht werden. Ob der Slogan etwas gilt: Keine Angst vor der Wahrheit.

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