Gottfried Kellers langer Schatten

Thomas Hürlimann und Adolf Muschg erhielten am Samstag den Gottfried-Keller-Preis. Sie pflegen dessen literarisches Erbe.

Die beiden Preisträger: Thomas Hürlimann und Adolf Muschg. Foto: Urs Flüeler/Gaëtan Bally

Die beiden Preisträger: Thomas Hürlimann und Adolf Muschg. Foto: Urs Flüeler/Gaëtan Bally

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Am Samstagabend wurden gleich zwei Gottfried-Keller-Preise der Martin-Bodmer-Stiftung, dotiert mit je 25’000 Franken, verliehen. Thomas Bodmer, der Präsident des Stiftungsrats, begründete dies bei seiner Eröffnungsrede im noblen Muraltengut mit einem doppelten Jubiläum: 2019 begehe man das 200-Jahr-Jubiläum Gottfried Kellers und zugleich das 100-Jahr-Jubiläum der Initiative zur Gründung der Stiftung.

Die beiden Preisträger, Adolf Muschg und Thomas Hürlimann, haben sich intensiv mit Gottfried Keller beschäftigt. In zahlreichen direkten und indirekten Bezugnahmen fand diese lebenslange Auseinandersetzung Eingang in ihr Werk. Ivan Farron verglich in seiner Laudatio auf Hürlimann «Heimkehr», den neusten Roman, mit dem «Grünen Heinrich», und Stefan Zweifel würdigte Muschg als ebenso kenntnisreichen wie subtilen Leser und Interpreten Kellers. Nicht im Plot liege die Stärke des Zürcher Schriftstellers, sondern in der sprachlichen Gestaltung und Formgebung.

Stets neue Lesarten

Im anschliessenden Gespräch mit Ursula Amrein wurde auf die noch heute lesenswerte Keller-Biografie von Muschg aus dem Jahr 1977 und das von Hürlimann in diesem Sommer herausgegebene «Keller-Lesebuch» hingewiesen. Darauf, dass der überragende Schriftsteller auch die Biografien der Preisträger prägte, spielte Thomas Hürlimann explizit an, als er seine Berlin-Zeit mit jener Kellers abglich. Auch für Muschg, der 1975 ein Theaterstück mit dem Titel «Kellers Abend» verfasste, sind biografische Anleihen nicht von der Hand zu weisen – auch wenn es, wie er ironisch und zum Amüsement der versammelten Kulturprominenz anmerkte, zum guten Ton gehöre, genau dies zu verneinen.

Beide Schriftsteller stimmten schliesslich darin überein, dass grosse Literatur sich nicht zuletzt dadurch auszeichne, dass sie stets neue Zugänge zulasse und ermögliche. Heute würden sie die Werke Kellers anders lesen und anderes darin sehen, als zu der Zeit, als sie sie zum ersten Mal entdeckten – für ihr Leben und für ihr Werk.

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