Glocken im Opiumrausch

Was haben Kirchenglocken in einem Sinfonieorchester zu suchen und wo beschafft man sie? Das Berner Symphonieorchester hat das Problem gelöst.

Wehe, wenn die schwingen: Die zwei Kirchenglocken des BSO.

Wehe, wenn die schwingen: Die zwei Kirchenglocken des BSO. Bild: Adrian Moser

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Das heilige Bimbam von Kirchenglocken gehört zur Tonspur des Alltags. Auch für jene, die nichts mit Kirche am Hut haben. Das Geläut kann beruhigen oder nerven. Kalt lässt es niemanden. Den Pragmatiker stimmt es gar optimistisch: Für ihn bedeutet Glockengeläut am Mittag: «Es gibt Essen», am Samstagabend: «Morgen kann ich ausschlafen.» Unter der Woche kündet Kirchengeläut eine Beerdigung an, dass zwei sich trauen oder ein Jubilar seinen Hundertsten feiert. Das soll nämlich in Burgdorf der Brauch sein. So weit, so gut.

Doch es gibt auch andere Kirchenglocken. Jene, die noch nie eine Stadt von oben, geschweige denn einen Kirchturm von innen gesehen haben. Man findet sie in Konzertsälen und in Theatern. Da tun sie zwischen Streichern und Bläsern so, als wären sie richtige Musikinstrumente.

Sind sie ja auch irgendwie. Seit Modest Mussorgski und Gustav Mahler haben etliche Komponisten Kirchenglockenklänge in ihre Werke geschmuggelt. Mit Vorliebe da, wo es monumental zu und her geht. Bloss: Wo bekommt man Kirchenglocken her, falls man ein Werk aufführt, das sie braucht? Ab- und wieder aufhängen im Kirchturm? Eine originelle, aber wenig praktikable Idee.

Geniestreich eines 26-Jährigen

Vor dem Antrittskonzert des neuen Chefdirigenten Kevin John Edusei im Jahr 2015 stand das Berner Symphonieorchester vor ebendieser Frage: Wo kriegen wir Kirchenglocken her? Edusei wünschte sich nämlich die «Symphonie fantastique» von Hector Berlioz gespielt. Eine Komposition mit Kirchenglocken.

Das Werk ist der Geniestreich eines 26-Jährigen, das Interpretationsgeschichte geschrieben hat. Das lag nicht nur am Einsatz der Kirchenglocken. Aber auch. Berlioz’ Instrumentierung war in diesem Werk von einer üppigen Farbigkeit, wie man sie im Konzertsaal bis dahin noch nie gehört hatte. Welche Leidenschaft, welche Dramatik! Das kam nicht von ungefähr. Berlioz war kurz zuvor vom Blitz der Liebe getroffen worden. Und das kam so.

Eine englische Theatergruppe spielt 1827 in Paris den «Hamlet». Und da steht Harriet Smithson als Ophelia auf der Bühne. Berlioz kann die Augen nicht mehr von ihr lassen. Die oder keine. Ihr will er imponieren mit einer Musik, die klangmächtiger und leidenschaftlicher ist als alles, was er zuvor geschrieben hat. «Episode aus dem Leben eines Künstlers» soll die Programmmusik heissen, im Untertitel «Symphonie fantastique». Berlioz erzählt die Geschichte eines Musikers, der sich in eine Frau verliebt. Doch sie bleibt eine unerreichbare Geliebte. Im Verzweiflungsschmerz betäubt er sich. Im Opiumrausch glaubt er die Geliebte umgebracht zu haben. In der Folge träumt er auch seine Hinrichtung.

Das Fallbeil kracht. Der Albtraum geht weiter. Der Musicus findet sich bei seinem eigenen Begräbnis wieder. Es ist ein Hexensabbat. Das Orchester lässt Skelette klappern. Und mit wuchtigem Bumm-Bumm initiieren die Kirchenglocken den Dies irae, den mittelalterlichen Hymnus über das Jüngste Gericht.

Früher habe das Berner Symphonieorchester die Kirchenglocken beim Tonhalleorchester Zürich oder beim Basler Sinfonieorchester ausgeliehen, sagt Axel Wieck, der BSO-Orchestermanager. In den letzten Jahren aber habe sich diese Praxis verändert. «Die Orchester sind nicht mehr bereit, sie auszuleihen. Es sei denn, ein eigener Schlagzeuger spiele und betreue sie am fremden Ort.» Das Risiko, dass eine der über hundert Kilogramm schweren Glocken beim Transport Schaden nehme, sei den Orchestern zu hoch. So musste sich Konzert Theater Bern nach einer neuen Lösung umsehen.

Schwerer Schlägel mit Metallkopf

Man holt also bei der Münchner Schlagzeugverleihfirma «Schlag Zu» eine Offerte ein und erfährt, die Miete sei fast gleich teuer wie ein Kauf. Der Entscheid fällt schnell. Bei der Glockengiesserei Grassmayr in Innsbruck (das Traditionshaus existiert seit 1599) lässt das BSO eigene Glocken giessen.

«Wie Instrumente müssen auch Kirchenglocken auf eine bestimmte Tonhöhe gestimmt werden», sagt Wieck. Gespielt werden sie mit dem runden Kopf eines schweren Metallschlägers. Das ist nicht ohne Tücke. «Wenn eine dickwandige Metallglocke einmal in Schwingung kommt, kriegt man sie nicht so schnell gedämpft.» Spieltechnisch sei eine Glocke für den Perkussionisten nichts Besonderes. Vom Gefühl her aber durchaus. «Es ist ein erhabenes Instrument.» Anders als die Orchester in Basel oder Zürich vermietet das BSO seine Kirchenglocken. Unlängst standen sie beim Luzerner Sinfonieorchester im Einsatz. Die fahrbaren Ständer, an denen die Schwergewichte hängen, seien für den Transport ganz praktisch, so Wieck.

Und was passiert, wenn die Kirchenglocken nicht mehr gebraucht werden? Dann kommen sie ins Aussenlager in Ittigen. Da lagern weitere Orchesterschätze wie Notenständer oder Instrumentenkisten, falls das Orchester wieder einmal das Reisefieber packt.

Stadttheater Bern: Freitag, Samstag und Sonntag, 19.30 Uhr. Vor Berlioz erklingt Dvoraks Cellokonzert mit Julian Steckel (*1982) als Solist. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.11.2018, 07:15 Uhr

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