Zum Hauptinhalt springen

Globi und der Pantherschreck

«Wörter wie wir», das erste Bühnenprogramm von Häberli Oggier alias Lo & Leduc, dreht sich um die Macht von guten Geschichten. Zur Sternstunde des Abends führt ein Beamerversagen.

Zwei Sprachkünstler als Talking Heads: Lorenz Häberli (l.) und Luc Oggier.
Zwei Sprachkünstler als Talking Heads: Lorenz Häberli (l.) und Luc Oggier.
Adrian Moser

Jetzt hilft alles nichts mehr. Schon der zweite Hintermann huscht auf die Bühne und versucht sein Glück mit der Technik. Vielleicht kann ja jemand aus dem Publikum rasch zu Hause vorbei und ein Kabel holen? Wäre die Lage nicht so ungewiss, man hätte die bange Frage, wer im Quartier wohne, für einen Witz gehalten. Aus dem Publikum rührt sich trotzdem niemand, und so sitzen wir in der rappelvollen Mahogany Hall und warten darauf, dass der Beamer wieder anspringt. Beziehungsweise nicht mehr ständig ausgeht.

Es ist ein denkbar unglücklicher Start für das Bühnenprogramm «Wörter wie wir» von Häberli Oggier, also von Lorenz Häberli und Luc Oggier, landesweit bekannt als Popduo Lo & Leduc. Und es ist ihr erster Schritt auf die Kleinkunstbühne; wobei Häberli Oggier lieber von Spoken Word sprechen, also das Literarische betonen. Der Abend habe sich natürlich ergeben, sagte Luc Oggier im Vorfeld zur «Annabelle». Denn: «Manche Geschichten passen einfach nicht in dieses 3:20-Minuten-Format» – also in einen Popsong.

Gerücht mit Eigenleben

Die Story hier musste folglich ein Stück werden (Regie: Reeto von Gunten). Formal kommt «Wörter wie wir» zwar eher wie ein Late-Night-Programm daher. An einem Tisch frontal zum Publikum sitzen Häberli und Oggier wie zwei Talking Heads, die abwechselnd von ihren Bildschirmen ablesen, daneben die Leinwand, auf der jeweils Fotos oder Videos erscheinen. Es ist vor allem Bildmaterial vom Mai 2012, als im Kanton Solothurn gemäss Medienberichten ein Panther gesichtet worden war.

Beweisen konnte das schon damals keiner, weil aber vermutlich ein mediales Frühsommerloch herrschte, entwickelte das Gerücht ein erstaunliches Eigenleben. Nicht nur errichtete der zuständige Förster im Wald bei der Gemeinde Kestenholz eine skurrile Raubtierfalle, was eine Pendlerzeitung ausführlich per Video dokumentierte. Es kam auch zu Zeugenaussagen, etwa von einem gewissen Georg Grolimund aus Erschwil, der dem Panther spätnachts vor seinem Haus begegnet sein will.

Die Medienbeiträge rund um den angeblichen Panther sind natürlich feinste Realsatire: Sie zeigen nicht nur, wie dankbar man auf gewissen Zeitungsredaktionen Storys ausschlachtet – und seien sie noch so unbewiesen –, sondern auch, welche sonderbaren Blüten eine diffuse Angst treiben kann. Um die Wirkungsmacht der Panthergeschichte geht es auch Lorenz Häberli und Luc Oggier, die auf der Bühne die entstandenen Videos Sequenz für Sequenz sezieren. Huscht da nicht eine schwarze Katze durchs Bild? Und hat schon mal jemand bemerkt, wie sinnlos die Falle beschriftet ist?

Witzig ist das schon, aber eben von alleine. Das wissen auch Häberli Oggier: Die Geschichte sei nicht von ihnen, sie erzählten sie nur, schicken sie voraus. Man muss ergänzen: Sie kommentieren sie auch ausführlich und ziemlich assoziativ, was dazu führt, dass man irgendwann bei Globi landet. Der wiederum ist schlimm rassistisch; und es gibt übrigens als Chalets getarnte Bunker in der Schweiz, wo Problembären wie Schusswaffen heissen.

Es schwirrt der Kopf

Aber man weiss das ja eigentlich schon. Und kombiniert mit den eingeblendeten Fotos und Grafiken, die in rasantem Tempo wechseln, fühlt man sich am Ende, als hätte man sich einmal durchs Internet gescrollt. Kennst du das schon? Oder hast du dir das hier schon genauer angeschaut? Es blinkt der Beamer, und es schwirrt der Kopf.

Anderes ist tatsächlich interessant – etwa dass es in der Schweiz in den Dreissigern schon einmal einen Pantherschreck gab. Und dazwischen blitzt auch auf, dass die Sprachkunst eben ganz generell das Metier von Häberli und Oggier ist. Dann etwa, wenn «Camouflage» zu «Gammelfleisch» wird, ein «Stakeholder» zum «Stöcklihalter», eine «Kastenfalle» zum Synonym fürs Fitnessstudio.Es sind solche Momente der künstlerischen Eigenständigkeit, wie man sie sich in «Wörter wie wir» öfter wünscht. So wie die Zugabe zum Beispiel: ein erhellender Abriss darüber, welchen Unterschied eine minimal andere Wortwahl machen kann. Ganz ohne Dia, ganz ohne lustiges Internetfundstück.

Vielleicht muss aber auch einfach erst der Beamer aussteigen, damit offenbar wird, was für Bühnenprofis Lorenz Häberli und Luc Oggier sind – entpuppt sich doch der Alptraum jedes Künstlers als Sternstunde von Häberli Oggier. Wie schlagfertig sie das montagsträge Publikum bei Laune halten, ist beeindruckend. Da helfen keine Pointen. Das muss man können.

Weitere Termine in Mühlethurnen (14.3.), Biglen (25.3.) oder Hasliberg (26.4.). Siehe www.atelieer.ch.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch