Gewinner im Ganzkörperplüsch

Die fünfte Austragung des Berner Tanzpreises ist entschieden. Der Hauptpreis geht an Kor'sia nach Spanien, der Publikumspreis nach Taiwan.

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Diesmal hat es geklappt. Die Tanzgruppe Kor'sia gewinnt mit «The Lamb» den Berner Tanzpreis 2018. Bereits vor einem Jahr hat sich das spanische Choreografenduo Mattia Russo und Antonio de Rosa mit einem Stück am Förderwettbewerb für junge Choreografen beteiligt. Doch die Konkurrenz aus Taiwan überzeugte die Jury mehr, Kor'sia «Cul de sac» («Sackgasse») ging leer aus. Die extraterrestrische Körpersprache aber, die Mattia Russo und Antonio de Rosa damals zeigten, ist in Erinnerung geblieben: Zu Musik von Arvo Pärt und Nino Rota bewegte sich damals ein Kabinett aus bleifarbenen Kunstfiguren.

Und jetzt in «The Lamb», wo Klaviermusik von Johann Sebastian Bach wie klingender Weihrauch die Bühne vernebelt, sind die Tanzenden bis zum Hals in retro-rote Ganzkörper-Plüschtrikots gepackt. Dieses Rot mutiert im Kontext von «The Lamb» zur liturgischen Farbe, die Assoziationen weckt und neue Bedeutungsebenen aufreisst.

Schlüssige Umdeutung

Der Titel «The Lamb» meint auch Opferlamm. Und das zieht Begriffe nach sich wie Sühne, religiöses Ritual, Fegefeuer, Wunderheilung: Das Stück erzählt von einem Blinden, der plötzlich wieder sieht. Rot ist auch die Farbe der Märtyrer. Und des Heiliges Geistes, der in Form von Feuerzungen über die Menschen kommt. Mattia Russo und Antonio de Rosa (die als Choreografen in ihrer Gruppe mittanzen) beziehen sich auf diese verändernde Kraft, indem sie sie umdeuten – hier kommt sie nicht von aussen, sondern brennt von innen, die Bewegung macht sie sichtbar.

Wie soll man diesen Stil benennen? Die Handschrift von Kor'sia ist originell, mysteriös, theatralisch, fremd und eigenwillig, und doch so präzise, dass in keinem Moment Zweifel aufkommen, die Wirkung könnte bloss Zufall sein. Die Elastizität der Glieder, die Brüche, Verdrehungen der Körperachse – das ist spektakulär unnormal und unterläuft jede Logik. Kor'sia schafft es, dass sich Kopf, Schultern, Arme und Beine zuweilen in unterschiedlichen Tempi bewegen. Die siebenköpfige Jury würdigt den hohen Wiedererkennungswert, den Reichtum an Ideen und den Mut zum Risiko in dieser Arbeit. Man wird Russo und de Rosa in Bern nächste Saison wieder begegnen, wenn das Choreografenduo mit Berns Tanzcompagnie am Stadttheater eine Produktion zum Thema Paul Klee realisiert.

Am Finale in der Vidmar werden fünfminütige Ausschnitte aus allen Produktionen gezeigt, die es im Rahmen der Tanzplattform in Vollversion zu sehen gab. Der Publikumspreis von 3000 Franken (gesponsert von KTB-Stiftungsrat Dominique Folletête) geht an den Taiwaner Hung-Chung Lai für «Birdy».

Erfolgreiches Format

Das kraftvolle, exotische Duett hat bereits andernorts Preise abgeräumt. Einmal mehr entpuppt sich die Taipei National University of Arts in Taipeh als Talentschmiede: Nach Yu-Min Yang (Tanzpreisgewinner 2016) und Po-Cheng Tsai (Gewinner 2017) hat erneut ein Taiwaner einen Preis geholt. Der Förderwettbewerb, den Tanzdirektorin Estefania Miranda vor fünf Jahren lancierte, hat sich nach einigen Anlaufschwierigkeiten zum erfolgreichen Format entwickelt. So sind dieses Jahr rund 500 Wettbewerbsbeiträge aus 56 Ländern eingegangen. Dass das Berner Publikum die Vidmar füllt, liegt aber auch daran, dass Konzert Theater Bern die Chance nutzt, Kooperationen mit Berner Tanzschulen und Schulklassen zu initiieren, deren Resultate im Vorprogramm gezeigt werden.

Ein besonderes Highlight am diesjährigen Finale ist aber eine Berner Premiere ausser Programm: Die technisch exzellente Tanzcompagnie des Stadttheaters Giessen präsentiert «Auftaucher», einen Klassiker von Henrietta Horn: Das rhythmisch-tänzerische Konzert ist eine Augen- und Ohrenweide für zehn Tänzerinnen und Tänzer, zehn Stühle und zwanzig Rasseln. So wenig braucht es, dass die Fantasie Purzelbäume schlägt, wenn Spielarten des menschlichen Umgangs messerscharf und mit Humor in Bilder verpackt werden.

DerBund.ch/Newsnet

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