«Geschichtenflucht» und Bilderflut

Die Schweizer Autorin Margrit Baur pflegte einen experimentellen Umgang mit visuellen Medien, die sie für ihr Schreiben zu nutzen wusste.

Das Album mit den menschenleeren Fotos fand Eingang in Margrit Baurs Roman «Geschichtenflucht».

Das Album mit den menschenleeren Fotos fand Eingang in Margrit Baurs Roman «Geschichtenflucht». Bild: Nationalbibliothek, S. Schmid

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«Sie hat sich seine Bildergeschichte immer farbig gedacht» – so wundert sich die Figur Helen bei der Sichtung der schwarzweissen Fotografien, die in Margrit Baurs Roman «Geschichtenflucht» (1988) einer feinen, über mehrere Seiten hinweg andauernden Betrachtung unterzogen werden. Ein Blick in den Nachlass der 2017 verstorbenen Autorin legt nun offen, dass tatsächlich eine physische Vorlage zu den im Roman beschriebenen Fotografien existiert – und sie ist farbig.

Es handelt sich um ein Fotoalbum, das gefüllt ist mit mehr als hundert Aufnahmen, die, faszinierend und gespenstisch zugleich, an jene Fotografien erinnern, die in «Geschichtenflucht» unter anderem als «nach-menschlich, von allem Menschlichen entleert» beschrieben werden.

Von September 1983 bis Mai 1984 hatte sich Margrit Baur allein nach Griechenland zurückgezogen, um dort, fern ihres Alltags in Zürich, ungestört schreiben zu können. Die damals erlebte Gesprächsarmut fand ihren Niederschlag im Roman «Geschichtenflucht», und auch die Fotografien sind während dieser Zeit entstanden. Es sind karge Aufnahmen, die einem das Album zeigt. Der Mensch selbst ist abwesend, nur die von ihm hinterlassenen Spuren sind noch sichtbar. Man sieht einsame Pfade und Strassen, leere Häuser und Strände, mal eine verwehte Wäscheleine, mal einen Baum, ansonsten Verlassenheit. Alles ist ruhig, sogar die Wellen scheinen merkwürdig geglättet zu sein, und immer herrscht die gleiche Symmetrie, die vom Horizont in der Bildmitte diktiert wird.

Es sind eigenartig aufgeräumte Bilder, die ihre besondere Wirkkraft erst in der seriellen Betrachtung während des Durchblätterns des dicht beklebten Albums entfalten. Denn in der flutartigen Aneinanderreihung von Momentaufnahmen wird jene Beliebigkeit ausgestellt, die Margrit Baur unermüdlich in ihren Prosatexten auszuloten versucht hat. Unentwegt kreisen ihre minutiös durchkomponierten Sätze um die unberechenbare Kluft, die sich unweigerlich zwischen Signifié und Signifiant – zwischen Vorstellungsbild und Wort – aufspannt. So heisst es etwa in «Geschichtenflucht»: «Ein Wort, so zufällig und ungefähr wie ein anderes, und man steht dagegen auf, will plötzlich die bestmögliche Annäherung statt der erstbesten, als käme es auf ein Wort an, gerade auf dieses Wort.» Und auch in «Alle Herrlichkeit» (1993), Margrit Baurs letztem Roman, scheint die Sprache immer wieder mit dem Umstand zu hadern, «dass es Genaueres als das Bild gar nicht geben kann».

Das im Schweizerischen Literaturarchiv einsehbare Album veranschaulicht nun eindrücklich das Wechselspiel von Bild und Sprache, das sich durch Margrit Baurs Werk zieht. Die Flut an Bildern, die einem das Leben bereithält und deren Genauigkeit sich in der Überfülle des Drauflosknipsens zu verlieren beginnt, verdichtete die Autorin hin zu einer Sprache, die in ihrem Bestreben um Präzision zuweilen gar vor sich selbst, vor der eigenen Zufälligkeit zu fliehen droht. Denn das der Wiederentdeckung würdige Werk von Margrit Baur ist, wie sie selbst in ihrem Vortragsmanuskript «Vom Reden und Schreiben» (1984) festgehalten hat, durchdrungen von «dem Wissen, dass in jedem Satz alles schiefgehen kann, dass ein einziges Wort das Bild verschiebt».

Auf den Fluchtlinien dieser Skepsis entstehen kunstvolle und akkurat durchgeplante Sätze, in denen sich die unterschiedlichen Erzählebenen collageartig überlagern, durchdringen und sowohl auf- wie auch abtragen, bis sie sich schliesslich zu präzisen, aber nicht minder komplexen «Ge-Schichten» zusammenfügen.

Das Schweizerische Literaturarchiv präsentiert einmal im Monat Trouvaillen aus seinen Beständen. www.nb.admin.ch/sla (Der Bund)

Erstellt: 23.01.2018, 06:28 Uhr

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