«Gegensätze muss man aushalten»

Ist es eine Oper? Ist es ein Schauspiel? Gerd Heinz ist in vielen Welten zu Hause. Nun inszeniert der deutsche Regisseur in Bern. Morgen wird «Die Formel oder die Erfindung des 20. Jahrhunderts» uraufgeführt.

«Kunst ist analog. Immer»: Gerd Heinz am Stadttheater.

«Kunst ist analog. Immer»: Gerd Heinz am Stadttheater. Bild: Adrian Moser

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«Die Formel» spielt 1905 in Bern. Eine Oper um das fiktive Treffen von Lenin, Paul Klee, Albert Einstein und Robert Walser. Was interessiert Sie als Regisseur daran?
Die Konstellation, das Spiel mit dem Konjunktiv. Da sind vier junge Menschen, die sich hätten treffen können, denn sie waren 1905 alle in Bern.

Was hätten sie sich zu sagen gehabt?
Der Text der Librettistin Doris Reckewell zeigt drei von sich überzeugte Männer, die die Welt revolutionieren wollen. Klee die Kunst, Lenin die Gesellschaft und Einstein die Wissenschaft. Da ist aber auch Robert Walser, der aufmüpfige Dichter. Ein Mann mit Durchsicht, Weitblick und Humor. Er sagt: Hört auf mit eurem Wahn. Es gibt keine Formel, mit der ihr die Welt aushebeln könnt!

Hat nicht jeder der drei seine Formel schon gefunden?
Lenin hat von der Diktatur des Proletariats gesprochen, Klee von der Kunst, die nicht das Sichtbare wiedergibt, sondern sichtbar macht. Das sind wunderbare Sätze. Als Formeln aber muss man sie hinterfragen. Walser tut das, und er hinterfragt auch die männliche Eitelkeit. Er hat eine andere Lösung, die er vorlebt. Mit seiner Poesie plädiert er dafür, dass wir die Gegensätze aushalten sollen.

Kann man das Stück in die heutige Zeit übertragen?
Sicher, auch heute gilt es Gegensätze auszuhalten. Wir leben in einer Zeit aggressiver Vorverurteilungen: Da ist Schwarz, da Weiss, da Gut, da Böse. So werden Ideologien zementiert. Ich habe schon manchmal das Gefühl, dass wir weit auf die schwarze Seite gerutscht sind.

Woran denken Sie?
An die Überwachung, die Digitalisierung und Ökonomisierung des Menschen und damit an die Verfügbarmachung. Egal, ob wir links, rechts oder sonst wie denken: Durch unsere Daten werden wir zu Verkaufsobjekten gemacht. Amazon als Weltregierung? Für mich eine furchtbare Vorstellung!

Und die Frauen im Stück?
Sie faszinieren mich. All diese starken Frauen haben die Karriere für ihre Männer aufgegeben. Lily Klee war eine tolle Pianistin. Lenins Frau, die Sozialpädagogin Nadeschda Krupskaja, hätte das Zeug für eine grossartige Lehrerin oder Professorin gehabt. Und die Physikerin Mileva Maritz war massgeblich an Einsteins Formel beteiligt. Sie mussten sich den Männern hintanstellen. In ihren Träumen aber waren sie frei.

Spielt das eine Rolle in der Oper?
Diese Träume sind das musikalische und poetische Rückgrat des Stücks. Sie werden durch die ingeniöse Musik von Torsten Rasch auf eine magische Ebene gehoben. Alle drei Schauspielerinnen haben ein Sängerinnendouble, das für die Träume steht. Die Spiegelungen zeigen auch die negativen Seiten der männlichen Fantasien. Das Albtraumhafte, die Ängste, den Wahn.

Wie ist das szenisch gelöst?
Im Traum von Frau Maric springt das Lieserl, ihre Tochter, in die Toten von Hiroshima, sie werden durch den Chor dargestellt und zeigen, dass Wissenschaft auch töten kann. Krupskaja wird von einem sozialistischen Block aus roboterhaften Wesen überrollt. Ihr Traum als Lehrerin wäre gewesen, zu Individuen zu sprechen. Die Entmenschlichung des Sozialismus macht das unmöglich. Und im Traum von Lily Klee wird eine Galerie gezeigt, in der die Besucher sich gegen die Nutzlosigkeit von Kunst wehren. Wie aber eine Auktion beginnt und die Preise in die Höhe schnellen, entbrennt ein irrer Tanz um das Goldene Kalb. Und da kommt Walser ins Spiel. Der Dichter mit der weiblichen Seele sagt: Wir müssen die Gegensätze aushalten. Der Künstler ist der Visionär unter allen und sieht als Einziger klar.

Als Sänger unter Schauspielern.
Genau. Es ist ein spartenübergreifendes Projekt. Das war der Wunsch von Intendant Stephan Märki. Ich fand es wunderbar, dass sowohl der Komponist Torsten Rasch und die Autorin darauf eingegangen sind.

Als Professor für darstellende Kunst haben Sie in den 1960er-Jahren ein Standardwerk verfasst, wie Opernsänger gute Darsteller werden. Was wenden Sie von Ihren Theorien an?
Als ich anfing, brachten Opernsänger vier, fünf Jahre Gesangsstudium mit. Wie man auf der Bühne eine Rolle verkörpert, wussten die meisten nicht. Ich wollte das ändern. Heute gehört Darstellung für Sänger zur Grundausbildung. Die Auswirkung ist sichtbar. Die meisten Sänger sind wunderbare Darsteller. Im Berner Ensemble sehe ich kaum mehr einen Unterschied zwischen Schauspielern und Sängern.

Sie wurden im analogen Zeitalter geboren, arbeiten heute mit jungen Leuten. Kommt es oft vor, dass Sie nicht die gleiche Sprache sprechen?
Das kommt vor. Ich habe mir das Digitale beigebracht, mache meine Recherchen auf dem Laptop. Ohne ginge es nicht. Der Komponist von «Die Formel» lebt in England und hat mir Klangbeispiele per Dropbox übermittelt. Bei einer Uraufführung fehlen ja jegliche Referenzaufnahmen. Aber die Digitalisierung birgt auch Gefahren. Sie lähmt die Fantasie, macht Menschen verfügbar.

Woran sehen Sie das?
Oft im Gespräch. Wissen wird heute ausgelagert. Man verlässt sich auf Smartphone, Wikipedia. Stadtpläne braucht man nicht mehr. Das Smartphone führt rund um die Uhr. Doch Kunst ist analog. Immer. Es ist wichtig, dass wir Erfahrungen in Echt machen. Wie für «Die Formel». Ich fordere meine Leute auf, ins Einstein-Museum oder ins Zentrum Paul Klee zu gehen. Begreifen geht nur so.

Sie waren Schauspieldirektor, inszenieren Opern, haben über Kunst publiziert. Woher kommt Ihre Vielseitigkeit?
Gute Frage. Die Neugier, die Gene vielleicht. Mein Vater war fünfzig, als ich 1940 geboren wurde. Nach dem Krieg waren wir arm wie die Kirchenmäuse. Wir waren evakuiert worden ins heutige Sachsen, das zunächst von den Amerikanern besetzt worden war, dann aber den Russen überlassen wurde. Ab da wurde es schwierig. So flüchteten wir zurück nach Westdeutschland. Mein Vater hat vor dem Krieg Geige gespielt, und obwohl er sein Brot als Beamter am Finanzamt verdiente, hat er abends Horaz übersetzt. Er wollte seine klassische Bildung weitergeben. Ich kam auf ein humanistisches Gymnasium, lernte Latein und Griechisch. Mit sechzehn gründete ich eine Theatergruppe. Meine Lehrer hatten keine Freude. Ich sollte Kardinal, Bischof oder sonst was Rechtes werden. Ich habe dem Druck standgehalten, bin heute dankbar für meine Ausbildung und alle Erfahrungen. Auch deswegen finde ich Bologna und Pisa einen Schwachsinn. Kunst lernt man doch nicht, indem man möglichst schnell einen Bachelor macht.

Sie sind 77 und aktiver denn je. Was kommt nach «Die Formel»?
Nach Bern kommt ein Schauspiel in Hamburg. Und seit drei Jahren bin ich an einem vollkommen wahnsinnigen Projekt. Ich inszeniere Wagners «Ring» in Minden bei Hannover. Das Theater ist kleiner als das in Bern. Das 90-köpfige Orchester wird auf der Bühne sitzen. Das klingt wie eine Sünde. Wagner im Wohnzimmer! Wagner auf den Kopf gestellt. Wunderbar. Und wenn wir durch sind, bin ich achtzig.

Stadttheater Bern: morgen, 19.30 Uhr. Mit: Camerata Bern (Leitung Jonathan Stockhammer), Vokalensemble Ardent. Aufführungen bis 14. April. (Der Bund)

Erstellt: 01.03.2018, 08:30 Uhr

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