Gefühle aus dem Säurebad

Son Lux? «So klingt Musik von heute», hat einmal einer geschrieben. Und das ist fast gar nicht übertrieben.

Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ja, es gibt auch Leute, die diese Band nicht mögen. Obwohl sie sie doch eigentlich, wie sie sagen, mögen müssten. Schwieriger Fall, erklären sie dann. Und schwierig daran: dass Son Lux so viel können. Und auch noch so viel von diesem Können zeigen. Gehört sich nicht, hört man, dieses Virtuosentum, dieses Überbegabtheitsspektakel. Erst recht nicht, wenn einer ausser einer klassischen Ausbildung auch noch ein Klavier- und ein Kompositionsstudium intus hat und Musik nicht nur für Werbekampagnen, sondern auch für Kunstprojekte und Tanzkompanien schreibt. So wie Ryan Lott.

Das Digitale hat einen Körper

Ein schlaksiges Wunderkind mit Brille und Jahrgang 1979, gründete er Son Lux vor zehn Jahren in New York; zunächst als Einmannformat für sein Vorhaben, aus dem Fundus seines elektronisch behandelten Tonmaterials einen Orchesterpop ohne Orchester zu bauen. 2015 macht er Son Lux dann zur echten Band, indem er seine Tourmusiker als Kompagnons aufnahm; den Gitarristen Rafiq Bhatia und den Schlagzeuger Ian Chang, zwei Schlakse gleichen Schlags.

Und so kam es, dass beispielsweise die Akkorde von Bhatias Gitarre in Lotts Rechner wanderten, dort geloopt und gewendet wurden und schliesslich auf dem Keyboard landeten, wo sie als Textur in verschiedenen Tempi spielbar sind, als wärs ein neues Instrument. Genau das macht den Son-Lux-Sound aus: Er hat einen Körper, obwohl er aus dem Prozessor kommt. Und umgekehrt eine maschinelle Eleganz, auch wenn die Finger auf den Saiten und den Tasten noch zu ahnen sind.

Aber die Sache mit dem Überkönnen – die ist ein Vorbehalt für Profis, und vielleicht ist es damit jetzt ohnehin vorbei. Seit Februar gibt es «Brighter Wounds», das fünfte Album von Son Lux, und entscheidend ist nicht, dass es das «persönlichste» oder das «verletzlichste» geworden ist, wie man seither lesen konnte (in mehr oder weniger wortgetreuen Echos des Beipackzettels für die Presse). Entscheidender ist vielmehr, dass Son Lux mit dieser Platte eine Lösung für das Talentproblem gefunden haben.

Dieser Avant-Pop behauptet sich weiter auf dem aufregenden Grat zwischen Experiment und Handwerk. Zwischen Skulptur und Song. Und noch immer drängt er aus einem Soul-, einem Gospel- oder einem Trip-Hop-Impuls in die synthetische Sinfonik. Aber gross (und umwerfend) ist das jetzt nicht mehr darum, weil Ryan Lott seinen Arrangements noch einen Einfall, noch eine Wendung, noch ein Manöver aufgebuttert hätte bis zur volltönenden Pracht, wie er es früher tat. Sodass man ihm jenen Choreinsatz und jene Streicherzugabe durchaus als manieriert und goldkantenselig ankreiden konnte. Sondern weil er genau darauf nun verzichtet. Verzichten kann. Und kommt nicht genau von da die Kunst? Vom Weglassen?

Aus der Leere und dorthin zurück

«The Fool You Need», «Slowly», «All Directions», «Surrounded» – das sind die Nummern, die nicht nur die Mitte des neuen Albums bilden, sondern auch das Gravitationszentrum für seine Substanz. Die gerupften Bläser, die stolpernden Beats, die nervös verhetzten Streicher, dazu mitunter Klanggebilde rätselhafter Provenienz, und darüber bröselt Ryan Lott seinen schwind- und magersüchtigen Gesang: Das alles muss sich gegen eine Leere behaupten, von der man bei Son Lux früher nichts hörte und auch nichts ahnte. Jetzt aber ist diese Leere vernehmbar da, als Abgrund, über den sich diese Musik in minimalisierten Konstruktionen wagt. Manchmal klafft die Leere scharfkantig in den Stücken auf, manchmal perforiert sie sie mit Mustern aus Halbsekundenlöchern.

Grosse Gefühle trägt diese Musik dabei noch immer. Melancholie vor allem, ein Welt- und Seelenweh, das meist zur Verzweiflung neigt, aber einmal («Dream State») auch trotzig-hymnisch triumphiert, sodass es am Konzert diesen Februar in Lausanne, keine gute Woche nach dem Release, schon zur Mitsingnummer reichte. Aber wenn diese Gefühle das musikalische Cinemascope-Format erreichen, auf das es Son Lux nach wie vor abgesehen haben, dann hört man jetzt auch ihr ganzes Making-of. Und man sieht das Risiko, dass da plötzlich nichts mehr ist. Dieser Pop kommt, fettfrei skelettiert, aus einem Säurebad. Und er fällt im nächsten Moment auch schon wieder dorthin zurück. Umso schöner, umso berührender ist das alles.

«So klingt Musik von heute.» Das, und zwar nicht weniger, fand ein Online-Leser, als er das Fehlen des Ferner-liefen-Auftritts von Son Lux im «Bund»-Bericht über die Bad-Bonn-Kilbi bemängelte. Das war 2014. Nun stimmt es wirklich.

Place Georges-Python Freiburg Mo, 9., bis Sa, 14. Juli. Son Lux: Sa, 14. Juli, 23 Uhr. Ausserdem: Slowdive, Jungle, Acid Arab, Fink, Christian Löffler, Adieu Gary Cooper, Gaël Faye, Duck Duck Grey Duck u. v. m. (Der Bund)

Erstellt: 05.07.2018, 07:23 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Den Grasshopper mache ich platt.

Sweet Home Wie geht Sommer?

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Umstrittene Tradition: Der spanische Matador Ruben Pinar duelliert sich am San Fermin Festival in Pamplona mit einem Stier. (14. Juli 2018)
(Bild: Susana Vera ) Mehr...