Vorbild «Fargo» – was von der neuen SRF-Serie zu erwarten ist

Regisseur Pierre Monnard über «Wilder», winterliche Drehtage beidseits der Sprachgrenzen und die Konkurrenz zu Netflix.

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Wie kamen Sie als Westschweizer zu «Wilder»?
Ich bin zwar Freiburger, wohne aber seit 2002 in Zürich. Ausschlaggebend war wohl, dass ich für das Westschweizer Fernsehen RTS eine Serie namens «Anomalia» gedreht habe. Die spielte ebenfalls in den Bergen. Und ebenfalls im Schnee.

Dann sind Sie ein Schneespezialist?
Vermutlich schon. Ich habe lange im Skigebiet Les Paccots gewohnt, da gibt es viel davon. Ich denke, ich habe wirklich eine spezielle Beziehung dazu. Die hat sich mit «Wilder» weiterentwickelt. Auch wenn Schnee einem das Leben nicht einfach macht bei Dreharbeiten.

Ist der Fernsehschnee denn echt?
Wir haben anfangs 2017 gedreht, da hatte es heftig geschneit in den Bergen. Zu Beginn der Dreharbeiten steckten wir bis zum Gürtel im Schnee. Und gegen das Ende war dann plötzlich zu wenig davon da. Da mussten wir ihn richtig suchen.

Krimi und Schnee sind eine beliebte Kombination. Was fasziniert Sie daran?
Das Visuelle. Man kann das selber überprüfen, wenn man einen Spaziergang macht in einer verschneiten Landschaft: Da ist man doch sofort mitten in einem Film, in einer archaischen Bilderwelt. Alles ist pur. Das Verrückte: Ursprünglich sollte die Serie im Herbst spielen.

Nicht im Winter?
Nein. Meine Serie in der Romandie übrigens auch nicht, für die Produktion sind solche Bedingungen eigentlich zu riskant. Und im Herbst gibt es oft lange Schönwetterperioden. Wir haben uns bei «Wilder» dann doch entschieden, alles in den Winter zu verschieben, weil wir so mehr Zeit zur Vorbereitung hatten. Das ist mir sehr entgegengekommen, weil es da dieses Düstere gibt, dieses Geheimnis. Es geht schliesslich um ein Mädchen, das verschwindet. Und keine Spuren hinterlässt in der Schneelandschaft.

Gab es filmische Vorbilder?
Klar, «Fargo» hat diese Welt berühmt gemacht. Aber es gibt auch viele andere. Zum Beispiel die «Die Hard»-Filme, die an Weihnachten spielen.

Dann müssten Sie Ihre Hauptperson barfuss durch den Schnee rennen lassen, wie das Bruce Willis darin tut...
... absolut. Ich habe viel Respekt für meine Hauptdarsteller, die wirklich mit der Kälte zu kämpfen hatten. Wir vom Team konnten uns hinter der Kamera ja unter Daunenjacken und vielen Schichten verstecken. Aber Marcus Signer musste immer seine schicken Anzüge tragen und einen nicht allzu dicken Mantel. Der hat manchmal wirklich gefroren.

Ihn kennt man aus «Der Goalie bin ig», seine Filmpartnerin Sarah Spale als Kommissarin dagegen ist eine Entdeckung.
Ja, sie hat bisher oft Nebenrollen gespielt. Zum Beispiel im «Nachtzug nach Lissabon».

Da war sie die Frau, die gleich zu Beginn über die Brücke sprang.
Genau. Sie hatte noch nie die Chance, eine wichtige Hauptrolle zu bekommen. Ich glaube fest daran, dass das Publikum sie jetzt entdecken wird.

Gedreht wurde auf dem Urnerboden, die Serie spielt aber an einem fiktiven Ort, wo alle Berner Dialekt sprechen.
Das polarisiert, ich weiss. Es gibt eben verschiedene Theorien: Die einen sagen, alle sollten den gleichen Dialekt sprechen, andere erwidern, nein, das ist nicht normal, ich spreche ja auch nicht den gleichen Dialekt wie meine Mutter. Als Westschweizer finde ich das interessant. Bei «Wilder» war es eine klare Entscheidung der Autoren und des Fernsehens: Die Geschichte ist im Oberland angesiedelt und «Bärndütsch» ist der Hauptdialekt.

Das verschwundene Mädchen ist nur eines der Krimi-Elemente in der ersten Folge: Es gibt auch einen Mord und ein schreckliches Busunglück. Ist das nicht zu viel?
(lacht) Wir haben Sachen aus dem Drehbuch rausgenommen. Klar, es passiert viel. Aber die erste Episode einer Serie ist immer die schwierigste. Man muss darin diese neue Welt vorstellen, alle Figuren, von denen es in «Wilder» viele gibt. Dann muss man ein paar Rätsel kreieren, um das Publikum neugierig zu machen. Das sind alles Elemente, mit denen man spielen muss. Aber das macht die Serie auch interessant.

Sie haben kurz nacheinander in der Westschweiz und in der Deutschschweiz gearbeitet. Gibt es grosse Unterschiede?
Schon. In Zürich ist das Fernsehen mehr involviert in die Entwicklung. In der Westschweiz gibt es eher eine von Frankreich beeinflusste Autoren- und Regisseurenkultur. Etwas übertrieben sagen die dort: Gut, jetzt macht ihr das Projekt, wir sehen uns dann, wenn es fertig ist. Beim SRF wird man stärker begleitet, die Teamarbeit ist ausgeprägter.

Ist das eine höfliche Art zu sagen, dass die Deutschschweizer viel mehr kontrollieren?
Nein. Es gibt wirklich bessere Ideen und Lösungen, wenn man zusammen spricht. Es ist komplex, eine Sechsstundenserie zu erzählen, schwierig, die Übersicht zu behalten.

Die Romandie hat seit langem eine Serienkultur.
Ja, RTS zeigt seit zehn Jahren jährlich eine eigene Serie, die haben diesbezüglich mehr Erfahrung. Aber sie bringen immer etwas Neues, nie eine Fortsetzung. Beim «Bestatter» dagegen läuft bald die sechste Staffel.

Wird es eine zweite Staffel von «Wilder» geben?
Gute Frage. Es würde uns freuen. Und die Geschichte hätte das Potenzial. Aber um das zu entscheiden, müssen wir die Ausstrahlung abwarten. Am Ende sind nicht die Regisseure oder die Autoren die Könige in der Fernsehwelt. Sondern die Quoten.

Ihre Serie steht nicht nur mit andern Sendungen in Konkurrenz. Sondern auch mit dem Angebot von Diensten wie Netflix. Was heisst das für Sie?
Nun gut, ich bekomme als Regisseur ganz bestimmte Vorlagen: die Drehbücher und ein Budget. Unsere finanziellen Möglichkeiten sind natürlich nicht so gross wie die einer Netflix-Serie. Aber die künstlerischen Ambitionen werden dadurch nicht kleiner. Ich will einfach das Beste daraus machen. Und alles geben.

Schauen Sie selber Serien?
Ja, aber ich bin kein Fanatiker. Zuletzt habe ich auf Netflix «Ozark» gesehen, das mir gut gefallen hat. Wie wir alle wissen: Es braucht viel Zeit, um Serien zu schauen. Und wenn man selber ein Jahr verbringt, um sechs Stunden Fernsehen zu produzieren, bleibt nicht viel davon übrig.

Wilder: ab 7. November jeweils dienstags um 20.05 Uhr auf SRF 1 (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.11.2017, 19:30 Uhr

Vier Jahre Entwicklung

«Wilder» gehörte zu den drei Siegerprojekten eines Wettbewerbs, der 2013 vom Schweizer Fernsehen ausgeschrieben wurde. SRF wollte damals neben dem «Bestatter» eine zweite Serie im Programm haben, mit einem «gesellschaftlich relevanten Thema». In mehreren Jahren Entwicklung wurde daraus jetzt die von Béla Batthyany und Alexander Szombath geschriebene Krimiserie, die ab dem 7. November an sechs Dienstagen zur Hauptsendezeit ausgestrahlt wird. Auch ein zweites Siegerprojekt von damals wird realisiert – «Herbstzeitlosen»-Regisseurin Bettina Oberli drehte im Frühling «Private Banking», allerdings nicht mehr als Serie, sondern als TV-Zweiteiler.

Deutsch und französisch

Inszeniert wurden alle sechs «Wilder»-Folgen von Pierre Monnard (41). Empfohlen hatte er sich mit der Westschweizer Serie «Anomalia», die auch in den Bergen und im Schnee spielte. Der in Zürich wohnhafte Freiburger arbeitet in beiden Sprachen, in der Deutschschweiz einen Namen gemacht hat er sich mit der stilistisch eigenwilligen Komödie «Recycling Lily».

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