Wie man einen lebenden Aal häutet

«Servant» von M. Night Shyamalan ist die derzeit gruseligste Serie.

Die Nanny Leanne (Nell Tiger Free) hütet den kleinen Jericho wie ihren Augapfel, allerdings ist Jericho nur eine Puppe. Foto: Apple

Die Nanny Leanne (Nell Tiger Free) hütet den kleinen Jericho wie ihren Augapfel, allerdings ist Jericho nur eine Puppe. Foto: Apple

Pascal Blum@pascabl

Junge Eltern kennen das: Mitten in der Nacht aufstehen, weil das Baby schreit – voll der Horror. Was aber, wenn man auch aufstehen muss, wenn man gar kein Baby hat, sondern eine Reborn-Puppe, die zwar nicht lebt, aber doch lebensecht aussieht und überzeugende Rülpsgeräusche von sich gibt? Das ist dann wohl richtig krank, beziehungsweise genau das, was in der Apple-Serie «Servant» geschieht.

«Servant» ist eine Art Grusel-Sitcom, mitproduziert von M. Night Shyamalan, der seit «The Sixth Sense» zahllose wahnsinnige Geschichten auf die Leinwand gebracht hat, bloss war nie eine darunter, an die man sich erinnern würde. «Servant» hat zwar einen Shyamalan-Stempel gekriegt, federführend sind aber internationale Fernsehprofis. Dazu gehört auch die Schweizer Regisseurin Lisa Brühlmann, die eine Folge gedreht hat.

Der Trailer. Video: Youtube/Apple

Die Reborn-Puppe haben sich Dorothy und Sean Turner angeschafft, nachdem ihr echtes Baby Jericho gestorben ist; es handelt sich um eine Form der Traumabewältigung. Die Fernsehreporterin Dorothy behandelt den Roboter, als sei er ihr eigenes Blut, Sean dagegen hat grösste Mühe mit der Puppentherapie. Sein Homeoffice ist die Küche, wo er als freischaffender Künstler der Molekulargastronomie schauerliche Speisen wie Hummereis zubereitet oder der Nanny Leanne demonstriert, wie man einen lebenden Aal häutet (man braucht zuerst einmal Nagel und Hammer).

Ja, für ihre Puppe haben die Turners eine eigene Nanny engagiert, denn die Serie parodiert auch die Lebensweise privilegierter Doppelverdiener. Die beiden wohnen in einem schicken Brownstone in Philadelphia und scheinen sich ausser um ihre Neurosen um wenig kümmern zu müssen.

Die Automatismen des Genres

Die einzelnen Folgen funktionieren nach Sitcomregeln, Schauplatz bleibt das Townhouse der Turners, Sean und Dorothy sind beide selbstverliebt und lernen überhaupt nichts dazu. Dorothy versteht sich darüber hinaus auf einen Spott der trockensten Art. Und darauf, so zu tun, als passierten in ihrem Haus nicht gerade die irrwitzigsten Dinge.

Die Sätze, die sich die beiden gegenseitig an den Kopf werfen, sind da um einiges grausamer als der leicht übersinnliche Schrecken, der sich nach Leannes Ankunft abspielt. So, wie die Nanny immer wieder reglos im Flur steht, stimmt offensichtlich etwas nicht mit ihr. Ausserdem scheint sie okkulte Neigungen zu haben, was Sean von Anfang an misstrauisch macht. Sie kriegt auch einmal Besuch von einem «Onkel» mit ausserordentlich schlechten Tischmanieren.

In den zahlreichen Wendungen hat sich «Servant» bald so sehr verknotet, dass die Serie kaum mehr von allein stehen kann. Die Vorzüge liegen hier aber vielmehr in der Mischung aus albernen und unheimlichen Einfällen. Gegen die Hipsterisierung des Horrors, die seit dem Kinofilm «Hereditary» alle Schockwirkung in Stil und Atmosphäre auflöst, setzt «Servant» einen viel formelhafteren Zugang: Richtig erschrecken kann uns hier wenig, denn dazu müsste man ja direkt in Kontakt kommen mit den eigenen Angstbildern. Sehen tun wir aber nur einen Horror-Automaten: Er schreit wie programmiert, und macht dann ein kleines Bäuerchen.

Auf Apple TV+, wöchentlich eine neue Folge bis 17. Januar.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt