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«Wenn die NZZ eine gute Kritik schreibt, wirds ein Flop»

Die öffentlich-rechtlichen Sender machten «Beamtenfernsehen», Ärzteserien gebe es heute mehr als Krankheiten. In der Süddeutschen Zeitung äussert sich der Schweizer Autor Charles Lewinsky messerscharf über die TV-Landschaft.

Thema des grossen Interviews in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung ist die Qualitätsdebatte, ausgelöst durch die Kritik von Marcel Reich-Ranicki beim deutschen Fernsehpreis. Die Schweiz bleibe vom ganz schlechten Fernsehen verschont, meint Lewinsky: «Wir Schweizer können kein allzu schlimmes Fernsehen haben, denn wir haben kaum private Sender. Um wirklich Scheisse sehen zu können, müssen Sie ein privates Fernsehen haben.» Doch auch die öffentlich-rechtlichen Sender nimmt er dran: «Die Öffentlich-Rechtlichen dagegen haben ein Beamtenfernsehen. Die meisten sitzen halt einfach da bis zur Pensionierung. Das ist nicht die ideale Voraussetzung für Innovationen.»

Früher sei das Fernsehen nicht unbedingt anspruchsvoller gewesen, meint er. Neu sei vor allem das Eindringen des Fernsehens ins Private. «Im Schweizer Fernsehen gab es mal eine Sendung mit Leuten, die jemanden aus den Augen verloren hatten. Da war eine alte Dame, die dann in der Sendung jemanden wieder antraf. Die Kamera war auf sie gerichtet, und der Regisseur starrte selbstvergessen auf die Monitore und beschwor das Bild: ‹Jetzt wein' doch endlich, du blöde Kuh!› Sie sehen - reale Leute sind wirklich Verbrauchsware.»

Wie Shakespeare auf die Quote schaute

Lewinsky plädiert aber nicht für ein intellektuelles Fernsehen. «Ein deutscher Fernsehintendant, der ein Programm machen würde, von dem Reich-Ranicki begeistert ist, gehört entlassen, weil er ja komplett am Publikum vorbeisendet.» Und: «Ich wusste immer: Wenn ich in der Neuen Zürcher Zeitung eine gute Besprechung meiner Sendung hab', wird es ein Flop.» Damit würde sich erklären, warum die Arztserie «Tag & Nacht» im Schweizer Fernsehen nicht so gut läuft, wie erhofft: Die Kritiken in den Zeitungen waren mehrheitlich positiv. Ohne dass die Serie im Interview konkret genannt wird, nennt Lewinsky noch einen anderen möglichen Grund für die schwachen Quoten: «Heute gibt es nicht so viele Krankheiten, wie es Ärzteserien gibt.»

Einmal mehr erklärt Lewinsky, wie Shakespeare in seiner Zeit auf das Publikum Rücksicht nahm. Alle seine Stücke, die er für das Globe Theater geschrieben habe, seien gleich aufgebaut: «Es fängt mit Kasperletheater an, Gespenster und Hexen und am Schluss bringen sich alle gegenseitig um. Klug geredet wird immer erst vom zweiten Akt an. (...) Das hatte ganz praktische Gründe, nämlich den Verkehrsstau auf der Themse: Die vornehmen Leute waren am Anfang noch nicht im Theater. Da waren nur die einfachen Leute, die vorher gekommen waren. Die Adeligen hatten ihre Sitzplätze, die kamen später. Erst wenn die da waren, fingen die Leute auf der Bühne an, grosse Monologe zu halten.» Und: «Literaturprofessoren würgen mich jetzt.»

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