Walking Dead im deutschen Dorf

Der «Tatort» aus Hamburg spielt erneut mit Genre-Elementen: Doch die Zombies waren nur ein Detail in der überfrachteten Folge «Böser Boden».

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Irgendwann im Supermarkt wirds brenzlig. Von Ferne betrachtet sehen die Menschen, die da an den Regalen stehen, ganz normal aus. Drehen sie sich aber um, tragen sie Narben im Gesicht, und ihre Augen wirken ausdruckslos. Plötzlich beginnen sie zu marschieren. Torkelnd bewegen sie sich auf einen zu. Nichts wie weg in eine Abstellkammer. Vor der stehen die Zombies dann und hämmern an die Tür.

Ja, wir sind im «Tatort», und nicht in einem alten Film des kürzlich verstorbenen Horror-Meisters George A. Romero oder in einer neuen Folge aus «The Walking Dead» mit ihren Horden von lebenden Toten. Aber die Anleihen sind überdeutlich: Vier Wochen nach der Spukhaus-Folge «Fürchte Dich!» gab es schon wieder einen Krimi mit Genre-Anleihen. Wobei die Zombies nur ein Element in dieser hoffnungslos überfrachteten Folge namens «Böser Boden» waren. In Wahrheit ging es nämlich um...

Um was eigentlich? Zu Beginn werden der Hamburger Bundespolizist Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und seine neue Partnerin Julia Grosz (Franziska Weisz in ihrem zweiten Fall) in ein Dorf in Niedersachsen gerufen. Das Mordopfer ist ein Exil-Iraner. Vor kurzem noch galt der Ingenieur als Vorzeige-Asylsuchender, es gab gar Zeitungsberichte über ihn. Jetzt liegt er tot im Wald, neben dem Firmensitz einer Gasförderanlage, für die er als Chauffeur arbeitete.

Fremdenhass oder Ökoterrorismus?

Ein Fall von Fremdenhass im ach so pittoresken Dorf? Aber welche Rolle spielen die Verwandten des Verstorbenen mit einem sichtlich gestörten Kind, das die Kommissarin gleich in den Arm beisst (an Zombies denkt zu diesem Zeitpunkt noch niemand)? Wie dreckig sind die Machenschaften der Frackingfirma mit ihrer sauber argumentierenden Geschäftsführerin? Welche Rolle spielen die Männer und Frauen um einen Biobauern, die mit allen Mitteln gegen die Gasförderung kämpfen (und vom Ermittlerduo bald «Öko-Nazis» genannt werden)?

Das ist schon viel, aber es kommt noch mehr: Irgendwann taucht auch noch ein Bundesexperte für Bodenproben auf, der für Humor (schmatzend Essen) und Horror (zerplatzende Ratte, aber dezent ausserhalb des Bildes) zuständig ist. Und Falke bekommt es auch noch mit seinem rebellierenden Sohn zu tun, wegen dem er mitten in den Ermittlungen kurz zurück nach Hamburg fährt. Dieser Erzählstrang bringt allerdings nichts, ausser dass in einem Keller die angesagte Band AnnenMayKantereit einen Song zum Besten geben darf. Ab Konserve gibts auch noch die Rolling Stones und – aha! – den Cranberries-Hit «Zombie».

Das ganze Sammelsurium wird von Regisseurin Sabine Bernardi äusserst unentschlossen präsentiert: Von allem ein bisschen und nichts richtig. Das wirkt sich auch auf die Auflösung des Falles aus: Eigentlich sind alle die Täter, die Exil-Iraner, die Ökoterroristen und die böse Gasfirma (die vermutlich als einzige ungestraft davonkommt).

Nur eines ist sicher: Vom Baden in deutschen Seen ist in Zukunft abzuraten. Die können offensichtlich schwer vergiftet sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.11.2017, 21:30 Uhr

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«Tatort»-Folge: «Böser Boden»

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