Tatort «10 vor 10»: Fast ein Stich ins Herz

Das SRF-Nachrichtenmagazin präsentiert diese Woche mit «Die Staatsanwälte» eine Dokuserie über Gewaltverbrechen – und stiess in Folge 1 an die Grenzen des Formats.

Susanne Wille präsentiert «Die Staatsanwälte».

Susanne Wille präsentiert «Die Staatsanwälte».

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«Was passiert, wenn man mit einem Messer in die Brust eines Menschen sticht?» Staatsanwalt Adrian Kaegi stellt diese Frage einer jungen Frau, die beschuldigt wird, mit dem Küchengerät ihren Verlobten auf diese Art lebensgefährlich verletzt zu haben. Er erhält keine Antwort. Und beim Nachfragen nur ein: «Das weiss ig nöd.»

Sind wir im «Tatort» am Sonntagabend? Nein, wir sind im «10 vor 10» am Montag, das diese Woche eine Serie den Zürcher Staatsanwälten für schwere Gewaltverbrechen widmet. Solche kriminellen Handlungen seien zwar verhältnismässig selten, wird einleitend gesagt, aber die Brutalität dabei nehme zu. Der Journalist Stephan Rathgeb hat, als «embedded journalist» sozusagen, ein halbes Jahr lang Einblick in die Arbeit der Juristen erhalten, die solche Fälle untersuchen und zur Anklage bringen müssen. Der Auftakt war wenig erhellend.

Die erste Einvernahme findet im Büro des Staatsanwalts statt, ein Kantonspolizist protokolliert, die Angeklagte trägt einen grauen Trainer und ist – logisch – nur verschwommen und von hinten zu sehen. Aber eigentlich ist es sie, die potenzielle Mörderin, die am meisten interessiert. Wieso schweigt sie, wurde sie vom Verlobten eingeschüchtert? Ist sie von der Tat massiv durcheinander? Ist sie total berechnend und spielt aus taktischen Gründen das Dummchen?

Im «Tatort» würde eine Grossaufnahme der Beschuldigten uns wenigstens ein paar Hinweise geben. Hier haben wir nur ihre Stimme, und die ist, wie ein Einblender zeigt, von einer anderen Person nachgesprochen. Und zwar Züritüütsch mit leichtem Balkanakzent, was aber im Beitrag nie weiter thematisiert wird. Sonst gibt es wenig zu sehen, ausser den manchmal halb hinter seinem Computer versteckten Staatsanwalt. Und Grossaufnahmen von Bleistiften auf dem Pult.

«Hat das Opfer Blut am Oberkörper gehabt?»

Das Fernsehen stösst hier an seine Grenzen, weil es eben keine Bilder von Täter und Opfer zeigen kann. Einmal gibt es dafür den Journalisten selbst am Telefon («Ich bin da, vor der Haustür»). Dann immerhin einen kurzen Einblick in die Arbeit des Staatsanwalts am Ort des Verbrechens («Hat das Opfer Blut am Oberkörper gehabt?»). Und am Schluss, bei den Aussagen des überlebenden Verlobten, noch Zeichnungen aus dem Spital. Dazu zwischendurch atmosphärische Musik, als wären wir tatsächlich im «Tatort».

Im Hauptteil aber, bei der Einvernahme, bleiben wir bildlich beim Staatsanwalt. Und wundern uns ein wenig, was wir da sehen: Bei seinen Fragen scheint er nämlich die schweigsame Angeschuldigte kaum anzuschauen. Er wirkt fahrig, sein Blick geht Richtung Computer, dann in seine Akten, irgendwohin. Möglicherweise stimmt das gar nicht, vielleicht hat es damit zu tun, dass wir keine normale Gesprächssituation mit Schnitt und Gegenschnitt sehen können. Vielleicht wurde die eine oder andere dieser Szenen auch nachgedreht, und die Frau sass gar nicht mehr im Raum. Aber das ist egal. Bilder wirken stärker als alle Erklärungen.

Vielleicht ist die Aussage auch prosaischer: Die Staatsanwälte machen einen bürokratischen Knochenjob. Und der ist fürs Fernsehen ungeeignet. Die Fortsetzungen werden es zeigen.

«Die Staatsanwälte» sind diese Woche das Fokus-Thema im SRF-Nachrichtenmagazin «10 vor 10».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2018, 12:14 Uhr

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