Skandalhunger und Eitelkeit

Im «Medienclub» ging es um den Fall Pierin Vincenz und öffentliche Demütigung durch die Medien. Schuld waren am Schluss irgendwie alle.

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Im Mittelalter wurden Leute als Strafe auf öffentlichen Plätzen an einem Pfahl angebunden und für ihre Schandtaten gedemütigt. Heute scheinen die Medien den Schandpfahl ersetzt zu haben. Und dieser Medienpranger schlägt oftmals zu, bevor eine juristische Be- oder Verurteilung überhaupt hat stattfinden können. Im gestrigen SRF-Medienclub «Am Pranger – wenn Medien richten» wurden nun die Medien selbst an den medialen Pranger gestellt: Warum skandalisieren sie und was bedeutet das für Betroffene?

Franz Fischlin hatte dafür eine gut aufgestellte Runde am Tisch versammelt: Psychologin und Krisencoach Ruth Enzler, Kommunikationswissenschaftler Mark Eisenegger, Wirtschafts- und Investigativjournalist Lukas Hässig und einer, der selbst schon am Pranger stand: Alt-Nationalrat Geri Müller.

«Man kann nicht Zurückhaltung verlangen»

Als Einstieg wurde der aktuelle Fall des Ex-Raiffeisenchefs Pierin Vinzenz diskutiert. Einst gefeierter Banker, heute die Schande der Bank – zumindest, wenn es nach der öffentlichen Meinung geht. In der Runde war man sich einig: An dieser Inszenierung waren nicht die Medien alleine schuld. Im Gegenteil, es sei viel zu lange geschwiegen worden, so der Journalist Lukas Hässig – er berichtete selber über den Fall Vinzenz.

Der Kommunikationswissenschaftler Mark Eisenegger wiederum sah das Problem nicht bei der Skandalisierung per se – Medien müssten diese Rolle sogar wahrnehmen. Problematisch sei jedoch die inflationäre Skandalisierung und die Verkürzung. Etwa, wenn eine einzelne Person plötzlich als Stellvertreter für ein ganzes System herhalten müsse. Überdies trage auch die Politik ihres zu den öffentlichen Empörungskampagnen bei – immer schärfer und mit weniger sachlichen Argumenten werde gegen Kontrahenten geschossen.

Nach diesen eher sachlichen Voten, sprach Alt-Nationalrat Geri Müller darüber, wie er seine eigene Skandalisierung erlebt hat. Wie er sich selbst verloren habe, nicht mehr wusste, was wahr und falsch sei; wie sich Journalisten auf ihn gestürzt hätten und wie er danach zu sich habe zurückfinden müssen. Seine Schilderungen machten betroffen, zeigten sie doch, wohin der Skandalhunger von Medien und Volk führen kann.

Lob für die Einsicht

Hier hätte man denn auch einen Punkt setzen sollen. Denn immer öfters vermischten sich nun die Fälle, die Schuldigen und Unschuldigen, die Experten und Opfer. So sprach Ruth Enzler plötzlich nicht mehr nur als Psychologin, sondern outete sich selber als Opfer einer medialen Negativkampagne. Als Zuschauer verlor man ob all den Perspektivenwechseln irgendwann den Überblick.

Was am Schluss blieb: Lukas Hässigs Einsicht, wonach die Medien wohl aus Eitelkeit nicht gerne aus ihren vielen Fehlern lernen würden. Und Moderator Franz Fischlins Würdigung von Hässigs Ehrlichkeit. Etwas brav kam einem der «Medienclub» zu den Skandalen da vor. Dies wiederum ist vielleicht auch entlarvend. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.05.2018, 14:36 Uhr

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