Pornoaffenzirkus im Planschbecken

Der neue Münchner «Tatort» übers Pornobusiness von Ottonormalverbraucher kann an die Qualität seiner Vorgänger nicht anschliessen – trotz toller Bilder.

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Deutschland ist der zweitgrösste Pornomarkt der Welt (USA ist Spitzenreiter). Seit der Markt ins Netz abgewandert ist, haben die Amateure das Business übernommen: Porno 2.0 ist in der Bundesrepublik fest in der Hand jener 50 000 Normalbürger, die als Freizeitvergnügen Lustclips machen und verticken. Das ist die Erkenntnis einer ofenheissen Rercherche des Journalisten Philip Siegel, die dem neuen Münchner «Tatort» mit dem Titel «Hardcore» zugrundeliegt; in der Infomappe zu «Hardcore» gibts auch ein interessantes Interview mit Siegel. Vielleicht hätte man es dabei belassen sollen. Jedenfalls schrammt der Film, trotz beeindruckender Bildästhetik zwischendurch, die Grenzen des Erträglichen (und ist weit entfernt von der überragenden Qualität von München-Folgen wie «Die Wahrheit»).

Eben haben wir die junge Altenheimpflegerin Marie (!) alias Luna Pink noch munter durch die Innenstadt ziehen sehen, im Rhythmus von Henry Purcells legendärer Verneigung vor dem Liebesgott Cupid (!): also von «Cold Song» aus der Oper «King Arthur». Genau, der Ko-Drehbuchautor und Regisseur Philip Koch streut unsichtbare Ausrufezeichen quasi mit beiden Händen aus: Biederkeit, Bildung, Schmuddelbusiness – alles ist hier in einer Person inkorporiert justament wie in unserem doppelmoralischen Alltag. Marie-Luna wird die kommende Tafelrunde allerdings nicht überleben. Die Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) werden am nächsten Tag in eine schicke Wohnung gerufen, wo die Teilzeit-Pornodarstellerin stranguliert auf dem Boden liegt. Ein paar Schritte weiter dümpeln in einem Kinderplanschbecken (!) derart viele Rückstände der Gangbang-Party – Sperma und Urin –, dass das mit der DNA-Überführung schwierig ist. Das mit dem Zuschauermagen auch.

Mit Ekel-Faktor

Aber klar, der Ekel-Faktor soll sein: Die Idee des«Epater le bourgeois» macht hier eine Entlarvungskehre, ist es doch der Bourgeois, der sich die Sauereien vom Netz lädt, der gemeine Mann von der Strasse wie der Staatsanwalt – der sich als Vater der Toten entpuppt. Es ist auch der Bourgeois, der sie produziert und so die alten Pornokönige in die Pleite jagt. Ach ja. Wären all die – arg zahlreichen – Figuren und ihre Stories nicht so plakativ und unglaubwürdig, könnte man die Krimiparabel wohl besser goutieren. Besonders Heldin Stella, die ehemalige Porno-Kollegin der Toten mit bitterbös-bravem Biedermann und zuckersüssem Söhnchen fürs Herz, wirkt in ihrer abgründigen Gier geradezu lachhaft (Luise Heyer). Wirklich komisch ist dagegen der Runninggag mit Kommissariatsassistent Kalli (Ferdinand Hofer), der seinen Chefs für einmal stets eine Nasenlänge voraus ist.

Als Leitmayr beim Finale in eine Nackedei-Orgie samt ausgiebigem Stöhnkonzert stolpert und endlich brüllt: «Ruhe, jetzt ist Schluss mit dem Affenzirkus!», sind wir schon sehr froh. Dabei hat «Hardcore» durchaus starke Augenblicke: dort, wo leise und shortcut-mässig von der Einsamkeit des einen zu jener eines anderen geschnitten wird; wo der Pornokonsument zum tristen Bildschirmjunkie schrumpft. Dort, wo die pädagogische Anlage zum waschechten Film reift. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.10.2017, 17:18 Uhr

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