Nahaufnahmen von Revolvertrommeln

Der neue Dresdner Tatort über einen Mord, gegen den die beste Versicherung nichts half, ist ein niet- und nagelfester Krimi.

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Der Rechtsgrundsatz «Auge um Auge» ist ein einfacher. Er sorgt, alttestamentarisch betrachtet, für ein Gleichgewicht zwischen Rachsucht und Verhältnismässigkeit. Mehr als ein Auge für ein ausgeschlagenes Auge sollte es beim Rächen und Strafen eben nicht sein, und die kriminelle Energie, mit der jemand im Dresdner Tatort «Auge um Auge» Verbrechen an einigen Angestellten der Versicherungsfirma ALVA beging, schöpfte geradezu moralische Legitimation aus diesem Prinzip.

Im Prinzip. Denn die Pläne – das ist ja dramatische Tradition – fielen zurück auf der Erfinder Haupt. Was durchdacht schien, lief aus dem Ruder. Jemand nahm sich jedenfalls mehr als ein Auge. Mangelnde Versicherungsleistungen wurden mit dem Tod bestraft. Deshalb beugten sich hier nun die sehr sympathischen und schnörkellos klugen Ermittlerinnen Sieland (Alwara Höfels) und Gorniak (Karin Hanczewski) samt ihrem verkniffenen Chef Schnabel (Martin Brambach), der aber auch einen gescheiten Kopf und die Sonne im Spiessbürgerherzen hat, über die Leiche des erschossenen Abteilungsleiters Gebhardt, welcher im Leben ein Kotzbrocken gewesen war.

Ringsum hätten viele die Gelegenheit gehabt, manche hatten ein Motiv, einige einen Nutzen, niemand ein Recht, und fast alle waren verdächtig. Wir nennen: den Harald Böhlert in seinem Rollstuhl, weil die ALVA, «ihr Partner für ihre Sicherheit», ihn im Stich liess. Die Frau Böhlert, weil sie rauchte. Den reizbaren Restaurator Rossbach, dem der Gebhardt auf die Simulation von Arbeitsunfähigkeit gekommen war. Den ALVA-Mann Ellgast ferner, weil er schiesstechnisch ausgebildet war (Gewehr und Pistole) und einen berufsbedingten Hass auf den Gebhardt hatte, aber kein Alibi. Kurzum, eine hübsche Auslegeordnung zu verifizierender und falsifizerender Verdachte.

Wer war's also? Man darf diesen Tatort mit konservativer Freude einen wirklichen, der fadengraden Kriminalistik gewidmeten Krimi nennen. In einer Tatort-Stilkunde gehörte er gewiss ins Kapitel «Solidität, Lakonie und Niet- und Nagelfestigkeit». Und in ein Unterkapitel über eine kühle Dialogkunst, die nicht auf seelenkundliche Pointen aus war, aber mit einer Art diskretem Humor sächsische Seelen öffnete in ihrem Widerspruch von Grosszügigkeit und Morosität. Einige Hinweise auf die privaten Befindlichkeiten der Kommissarinnen Sieland und Gorniak waren zurückhaltend menschelnde Farbtupfer.

Zu debattieren ist hier auch nicht über ambitionierte oder überambitionierte Filmkunst. Der Handlung (Regie: Franziska Meletzky) – sagen wir noch einmal: im Prinzip – genügten Totale, Schnitt und Gegenschnitt, der visuellen Spannung die Nahaufnahmen vom Ladevorgang bei Pistolenmagazinen und Revolvertrommeln. Und was die Lösung betrifft: Es gab eine. Sie hatte unter den vorgegebenen dramatischen Umständen ihre Logik. Sie verband Kritik am Versicherungssystem mit der sinngemäss angewandten Regel, dass der Mörder immer der Gärtner ist. Das darf ja auch einmal sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2017, 21:54 Uhr

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