«Nach Hause, Johann!» – Lukas Ammanns letzte Reise

Der Schauspieler Lukas Ammann ist tot. Sein Graf Yoster, unser aller Lieblingsfernseharistokrat, wird ihn lange überleben.

Ist 104-jährig in seiner Münchner Wohnung gestorben: Schauspieler Lukas Ammann.

Ist 104-jährig in seiner Münchner Wohnung gestorben: Schauspieler Lukas Ammann. Bild: Keystone

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Der Grabstein sei ja schon da, sagte der Schauspieler Lukas Ammann in den Interviews zu seinem 100. Geburtstag gern, sein Name stehe dort unter dem seiner Frau, das Geburtsjahr auch, und dem Steinmetz bleibe dann nur noch die Kleinigkeit von vier letzten Zahlen, praktischerweise. Sie werden 2017 lauten, wie wir jetzt wissen.

Er wollte niemandem mehr grosse Umstände machen, schien es. Es war etwas von gelassener Todesbereitschaft um ihn, die noble Morbidität einer geduldig ertragenen Einsamkeit, die er verspürte, aber nicht schlimm fand. Nicht dass er sterben wollte: Es wird sogar erzählt, an seinem Geburtstag im September letzten Jahres habe er die aus Johannisbeeren bestehende Zahl 104 auf seiner Torte mit der Kuchengabel noch in eine 105 geändert. Er hatte Freunde und Heimat in München, wo er wohnte. Die Altersgebresten waren milde, die Gedanken glasklar, für die Kinder und Kindeskinder in Uruguay hatte er das Skypen gelernt; und sein Fahrstil im eleganten BMW wurde als «italienisch» beschrieben. Aber die Karriere, von der er einmal viel zu bescheiden gesagt hat, es sei gar keine gewesen, war einfach sanft ausgelaufen, er hatte das zugelassen.

Mit Graf Yoster in Frieden gelebt

Da war noch vielleicht, wie ein leiser Schmerz, ein wenig Nostalgie nach der Zeit, als er überaus berühmt war und auf geschmeidige Art elegant. Auch ein wenig Bedauern mag da gewesen sein: weil die vergesslichen Menschen kaum mehr daran dachten, dass seiner langen Lebtag, auf der Bühne und im Film, 700 Rollen zusammengekommen waren, worin er Wandelbarkeit bewiesen hatte; und nicht nur zwei, der Graf Yoster und der Grossvater Faller, in denen er Charaktere gestaltet hatte, mit denen er dann oft verwechselt wurde. Das hat Lukas Ammann in den Interviews zu seinem Hundertsten und danach auch manchmal melancholisch erwähnt; neben der Sache mit dem Grabstein. Aber eben, da war nichts zu machen, man war ja nicht mehr Siebenundachtzig, die lebendige Berühmtheit war in die Legende hineingeglitten und die Eleganz ins würdige Alter. Und nach vorn ins Kunstlicht, um einem Publikum noch etwas zu beweisen, das es nicht wissen wollte, drängte es ihn offenbar nicht.

Mit dem Grafen aus «Graf Yoster gibt sich die Ehre», dem Lieblingsfernseharistokraten der Deutschen, der Schweizer und der Österreicher, der er war von 1967 bis 1976 und der er blieb – mit diesem Yoster also, der zur linken Hand Schriftsteller war und zur rechten Hand Detektiv, hat Lukas Ammann in Frieden gelebt. Auch dann, als er schon der bäuerlich-patriarchalische Grossvater Faller war, der Deutschen Lieblingsbauer (in «Die Fallers» von 1994 bis 2000). Obwohl der Graf dem Schauspieler einige bürgerliche Wege wahrscheinlich verbaut hat. Die gespielte und sehr fein gestaltete Noblesse lag Ammann ja. Es könnte sein, dass sie ihm schauspielerisch auch viel Freude gemacht hat auf einer höheren Ebene der Ironie.

Als Bauer fand er seine Hände zu schmal

Man gewann als Landsmann möglicherweise sogar den Eindruck, alles entspreche wie angegossen einer anerzogenen Basler Vornehmheit. Ammann wurde zwar nicht geboren ins Zentrum des Basler Daig. Aber sein Vater, der Kunstmaler Eugen Rudolf Ammann, stammte doch aus altem Schaffhauser Geschlecht. Die Mutter war Sängerin, das Milieu des Wachstums war also kultiviert, wenn auch vermutlich demokratischer geprägt als das eines Yoster, und jedenfalls: Man hat Lukas Ammann die selbstverständliche, autoritäre Freundlichkeit im Umgang mit mindergeborenen Domestiken («Nach Hause, Johann!») immer abgenommen. Der Faller später hat viel weniger zu ihm gepasst; und er selbst hat seine Hände zu schmal gefunden für die glaubwürdige Darstellung landwirtschaftlicher Fähigkeiten.

Der Tod sei sanft gewesen, «nach kurzem Leid», wie gemeldet wird. Und bevor der Graf Yoster dann wieder alles überstrahlt, wollen wir uns doch ganz kurz an das erinnern, was künstlerisch auch noch war. An den Ammann, der an der Beerdigung des Dällebach Kari in Kurt Frühs Film mit unyosterscher Inbrunst «Wenn die Blümlein draussen zittern» sang (1970). Und mindestens noch an den Ammann, der in Robert Siodmaks «Nachts, wenn der Teufel kam» (1957), diesem Film über Mord und Herrenmenschenrecht, einen Anwalt von kaltherziger, schneidender Gleichgültigkeit spielte und zeigte, was er eben auch konnte ausser der leichten kriminologischen Konversation.

Das Fernsehen des Bayerischen Rundfunks hat mit der Wiederholung von 36 Folgen von «Graf Yoster gibt sich die Ehre» begonnen (samstags ab 23.30 Uhr). (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.05.2017, 17:28 Uhr

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