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Lindenstrasse, 1985-2020

Im März 2020 wird die ARD-Serie «Lindenstrasse» eingestellt – weil sie zu teuer sei für die schwächelnden Quoten. Ein vorgezogener Nachruf.

Alles begann am 8. Dezember 1985 mit einem strunzbiederen Hausmusikabend bei Familie Beimer. (Foto: WDR/Engelmeier)
Alles begann am 8. Dezember 1985 mit einem strunzbiederen Hausmusikabend bei Familie Beimer. (Foto: WDR/Engelmeier)

Es wird sein wie damals beim «Marienhof». Nur ohne den Trost, dass ja noch die «Lindenstrasse» bleibt. Das ausweglose Dunkel wird sein, das Versinken im Nichts, Winter im Frühling und nur noch dieser Name und zwei Jahreszahlen in der flüchtigen Fernsehgeschichte.

Ich kenns ja von Anfang an, das ganze Münchner Viertel, die Wohnungen voller Wohnwände, die Nachbarn von einst und jetzt, die lebenden und die toten, die braven und das verlogene Pack. Ich bin mit ihnen ergraut und habe die Lisa Hoffmeister, die jetzt Dagdelen heisst, einen Pfarrer mit einer Bratpfanne erschlagen sehen. Hab den Klaus Beimer wachsen sehen und Nazi werden und dann wieder vernünftig und Journalist und fett und jetzt wieder dünner; das hat weiss Gott seine Zeit gedauert.

Und deshalb kann ichs bezeugen, dass der Frost der Routine, eine gewisse Schwerhüftigkeit und Tendenz zum Verdorren, die «Lindenstrasse» befiel, als Else Kling starb.

Else Kling (Annemarie Wendl) steht neben Olaf (Frank Rampelmann), der sein «Veilchen» mit einem Kotelett kühlt (WDR-Szenenbild aus der Folge 768 «Abgründe» am 20.8.2000, Keystone/WDR Thomas Kost)
Else Kling (Annemarie Wendl) steht neben Olaf (Frank Rampelmann), der sein «Veilchen» mit einem Kotelett kühlt (WDR-Szenenbild aus der Folge 768 «Abgründe» am 20.8.2000, Keystone/WDR Thomas Kost)

Das war am Auffahrtstag 2006, ausnahmsweise lief die «Lindenstrasse», ihre Lieblingssendung, donnerstags, es leuchtete ein jenseitiges Licht, und die letzten Worte der Frau Kling waren: «Schee wars doch.»

Mit ihr aber starb in dieser Serie ein Wesenskern von böser Gerechtigkeit. Die Kling hatte das alles zusammengehalten und ihre Bosheit gleichmässig auf alle um sie herum verteilt. Sie hat ihren Nachbarn die schmutzige Wäsche gewaschen, buchstäblich und im übertragenen Sinn; und wenn einer nichts mehr wissen wollte vom Dreck, den er am Stecken hatte, hat sie es noch gewusst und daran erinnert, und was sie nicht wissen konnte, davon hatte sie eine menschenkennerische Ahnung. Eine kieflige Bayerin und gute Abwartin der moralischen Serienordnung.

Das Leben, Lieben, Sündigen, Lügen und auch Morden in der «Lindenstrasse» wurde fahriger und undisziplinierter

Nach ihr setzte ein dramaturgisches Bröckeln ein. Es fehlte das ordnende klingsche Schandmaul. Man merkte es nicht gleich, aber das Leben, Lieben, Sündigen, Lügen und auch Morden in der «Lindenstrasse» wurde fahriger und undisziplinierter, geriet zum Aktionsdrang.

Das tat dem genial zu nennenden Ursprungskonzept des Erfinders, Hans W. Geissendörfer, vom Menschheitsdrama im Quartier und vom Reflex des bürgerlichen Trauerspiels im sonntäglichen Vorabendprogramm nicht gut. Insbesondere ist es in den letzten Monaten mit dem im bewusstlosen Zustand empfangenen Kind und den Amnesien und Vaterschaftstests sowie dem Hans Beimer, der starb, bevor er auf den Jakobsweg konnte, zu Geschichten von furchtbarer Aufgeregtheit gekommen. Aller Fernseherfahrung nach sind das Hinweise darauf, dass die Haare, an denen etwas herbeigezogen werden kann, ausgehen.

Ich reisse mir die «Lindenstrasse» noch nicht aus dem Herzen.

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Es ist die rechte Zeit für einen langen Abschied, womöglich. Aber 1695 Folgen bis jetzt, so etwas wächst ans Herz. Und obwohl sie mir heuer ein bisschen abhandenkam, reisse ich mir die «Lindenstrasse» noch nicht aus diesem Herzen. Wegen einer vernünftigen Quoten- und Kosten-Nutzen-Rechnung justament nicht.

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