Lebenslügen

Im neuen Tatort aus Bremen herrschte Wahnsinn.

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Man lernte vom Bremer Tatort «Zurück ins Licht»: Schmerz sei gefesselte, nicht befreite, absolut bedingungslose Entschlossenheit. Es klang ziemlich sektenhaft, so nach «Materie hat keine Empfindung»; jedenfalls war da diese Frau, Maria Voss (Nadeshda Brennicke), eine ehemalige Pharmahändlerin, die in einem gespenstischen Motivationsvideo die Mantras eines vergöttlichten Ehrgeizes herunterbetete, für sich oder andere, es sah mehr nach Autosuggestion aus als nach Verkaufsschulung.

Von Anfang an hatte man das Gefühl, um diese Frau sei etwas Wahnsinniges, Entrücktes und Mordbereites, und wer immer nach einem Beispiel für psychologisches Overacting sucht, sollte ab jetzt an den Namen Brennicke denken. Ferner: Da in einem lang verlassenen Auto ein abgeschnittener Finger (nicht mehr der frischeste) gefunden worden war und in einer metallenen Kiste unter Wasser eine stark in Verwesung übergegangene Männerleiche sowie eine zur Leiche passende Anrufliste mit der Nummer der Voss, hatte man nicht ganz unrecht, als man bald eins und eins zusammenzählte und als Lösung, schiens, nur eins blieb.

Obwohl, ein wenig unrecht hatte man schon auch. Die Stimmungslagen und Motivmöglichkeiten präsentierten sich den Bremer Ermittlern – also der Hauptkommissarin Lürsen (Sabine Postel), dem Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen) und der mit ihnen assoziierten Linda Selb (Luise Wolfram) vom Bundeskriminalamt – sehr komplex.

In Sonderheit, weil die Beziehungen der Verdächtigen gleichzeitig volatil und seltsam inzestuös waren, alles vor dem Hintergrund einer konkursiten Pharmafirma, deren CEO der Tote gewesen war. Seine Witwe hatte, kaum war ihr Mann verschwunden, etwas mit seinem Freund angefangen, dem Mann der Voss. Die hatte das nur mässig gekümmert, die Leiche, ihr Ex-Chef, war dafür vorher ihr Geliebter gewesen, wahrscheinlich, die Familie war ihr ohnehin lang abhanden gekommen nach einem schweren Unfall und auf einem Passionsweg des eisernen Willens zurück in ein zusammengelogenes und – gefälschtes Leben.

Der Manipulationsmacht verfallen

Zur Zeit der Handlung fuhr sie wieder Rollschuh und wohnte, wie es aussah, im Gästehaus eines anderen CEOs und war ihm zu Willen, oder er war es ihr. Der Hauptkommissar Stedefreund hat dabei einmal zugeschaut und verfiel dann bedenklich der Manipulationsmacht der Voss’schen Verrücktheit, obwohl er doch schon intim war mit der Linda Selb, die auch ein bisschen spann in ihrer kuriosen Coolness.

Filmisch war das ungemein ehrgeizig: bildmächtig, dynamisch, düster und manchmal grell (Regie: Florian Baxmeyer). Und fein wars, dass die Pharma-Geschichte (billig eingekaufte, illegale Krebsmedikamente) einmal nicht zum moralischen und kriminalistischen Hauptthema wurde. Der Wille zum privaten Psychogramm war stärker. Das hatte auch seinen Preis. Spannung verlor sich gern in seelenkundlicher Überspanntheit, und Ende und Lösung waren dann doch, sagen wir: etwas grob psychopathisch. In einer Welt aus den Fugen, die nicht mehr ins Lot kam, haben wir uns aber immer an der Hauptkommissarin Lürsen aufgerichtet. Sie gab einem Kraft. Denn sie war eigentlich die Einzige, die in diesem Tatort noch alle Tassen im Schrank hatte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.10.2017, 21:49 Uhr

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