Keine Currywurst mit Freddy

Im neuen Kölner «Tatort» ermittelt Kommissar Ballauf mit kalter Härte.

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Man könnte sagen, der Kölner «Tatort» mit dem Titel «Mitgehangen» (Buch: Johannes Rotter) habe ein musterhaftes dramatisches «Tatort»-Wesen. Denn bei allem unterschiedlichen Ermitteln und Überführen, bei allen Experimenten und stilistischen Bocksprüngen, im sittlichen Ernst und im Scherz, drehen sich die «Tatorte» doch um diese eine Zentralachse und diese wesentliche Frage: wozu der Mensch imstande ist, und unter welchen Umständen er es ist; und wie Ermittlerinnen und Ermittler aller polizeilichen Rangstufen an der Seele gesund bleiben, wenn sie gerufen werden, wieder und wieder, und es liegen Leichen herum.

«Mitgehangen» macht diesen seelenkundlichen Stimmungshintergrund nun zum Thema des konkreten Dramas. So: Es hat sich ein Mann erhängt am Fenstergitter einer Kölner Gefängniszelle, das sah man gleich zu Beginn. Es war der Familienvater und Autoreifenhändler Matthes Grevel (Moritz Grove), von dem in der folgenden langen Rückblende alle sagten, er könne keiner Fliege ein Haar krümmen, eher sei er eine Fliege, die sich immer die Haare krümmen lasse. Es sah auch ganz so aus, und nur der Hauptkommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) glaubte es nicht. Das kam, weil er zu einem Baggersee gerufen worden war, zusammen mit seinem Kollegen Freddy Schenk (Dietmar Bär). Dort zog man ein Auto aus dem Wasser, auf einem Sitz lag ein abgeschossener Unterkiefer, im Kofferraum der Rest der männlichen Leiche mit einem Plastiksack über dem Kopf, und im Sack zappelte ein Aal.

Da zerbrach etwas in Ballauf, der doch immer ein freundlicher Polizist war. Es überkam ihn geradezu sichtbar (Klaus Behrendt spielte das grossartig ruhig) eine innere Kälte und eisige Härte. Weil sich herausstellte, dass das Opfer der Teilhaber des Grevel gewesen war und ein Kotzbrocken, der ihn kujoniert und gedemütigt hatte, verbiss sich Ballauf in den Grevel als Mordverdächtigen; und es war ihm ganz egal, dass einer Familie aufgrund von Indizien gleich das ganze Leben um die Ohren flog. Als der Mann dann am Fensterkreuz hing, glaubte er erst recht, er habe recht. Dem Freund Schenk lief es frostig den Rücken hinunter.

Das mag manchmal etwas kolportagehaft gewirkt haben, psychologisch betrachtet. Aber geschenkt. Es war das wirklich spannende Drama in diesem «Tatort»: Das schnelle, still inszenierte Zerbrechen von Vertrauen (Regie: Sebastian Ko). Das Strampeln um Normalität. Wie sich, ohne es zu wollen, Eheleute gegeneinander kehrten, Kinder gegen Eltern und, in ihrer kindlichen Verzweiflung, sogar Kinder gegen Kinder. Und wie ein Polizist sich sozusagen in einen Gerechtigkeitswillen hineinwütete.

Ballauf und Schenk sind am Ende übrigens Freunde geblieben. Der Fall kam zu einer Lösung, über der sie sich berufsethisch versöhnen konnten. Sie assen dieses Mal aber keine Currywurst zusammen. Und das eine Sternchen für Humor (siehe unten) gilt einer neuen Figur, dem Kriminalassistenten Jütte, einem schlauen, phlegmatischen Raucher mit kritischem Blutdruck. Womöglich wird der uns noch viel Freude machen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.03.2018, 23:01 Uhr

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