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Ich glotz Flatrate

Der Onlinevideodienst Netflix ist in der Schweiz gestartet. Ein Blick ins Flatrate-Angebot der Serien zeigt: Die Fernsehzukunft hat begonnen.

Ab 11.90 Franken pro Monat ist man dabei: Kevin Spacey aus der erfolgreichen Serie «House of Cards». Das prämierte Politdrama ist eine Netflix-Eigenproduktion.
Ab 11.90 Franken pro Monat ist man dabei: Kevin Spacey aus der erfolgreichen Serie «House of Cards». Das prämierte Politdrama ist eine Netflix-Eigenproduktion.
PD
Expansion nach Europa: Reed Hastings, CEO und Mitgründer des US-Streaminggiganten Netflix in Zürich. (18. September  2014)
Expansion nach Europa: Reed Hastings, CEO und Mitgründer des US-Streaminggiganten Netflix in Zürich. (18. September 2014)
Walter Bieri, Keystone
Runde Anfänge: Am Anfang verschickte Netflix die im Internet ausgeliehenen Filme als DVD per Post zum Kunden. (Archivbild)
Runde Anfänge: Am Anfang verschickte Netflix die im Internet ausgeliehenen Filme als DVD per Post zum Kunden. (Archivbild)
Brian Snyder, Reuters
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«Hier und jetzt» – so könnte der Werbeslogan für die neue Fernsehwelt lauten. Neue Technologien ermöglichen es dem Publikum, viele seiner Lieblingssendungen rund um die Uhr anzuschauen. Bei TV-Serien ist das besonders attraktiv. Denn welcher Seriensüchtige will schon eine Woche auf die nächste Folge warten? Mancher guckt auch gerne mal eine ganze Staffel am Stück – ohne Werbeunterbrechungen.

Solche Leute fieberten dem heutigen Tag wie dem Finale von «Breaking Bad» entgegen. Ab sofort agiert nämlich der amerikanische Videodienst Netflix, der weltweit bereits 48 Millionen Kunden hat, in der Schweiz. Für eine Monatsgebühr von 11.90 Franken können Abonnenten unbegrenzt Filme und Serien auf ihrem Fernseher, Computer oder dem Handy und Tablet abspielen.

Aktuell sind bei Netflix Schweiz ungefähr 170 Serien verfügbar. Darunter die im deutschen Sprachraum zum Teil exklusiv angebotenen Eigenproduktionen «House of Cards», «Orange Is the New Black», «Penny Dreadful», «Hemlock Grove». Weitere Highlights sind «The Killing», «Fargo», «Breaking Bad» oder «Walking Dead». Auch BBC-Titel, wie «Sherlock» oder «Doctor Who», sind vertreten. Weiter hat man einige deutsche Serien sowie viele Kindersendungen im Angebot. Schweizer Serien sind derzeit nicht zu haben.

Attraktiver Preis

Die Serien werden auf Deutsch und in der Originalsprache angeboten, es sind mehrsprachige Untertitel erhältlich. Auch deshalb war das Vorabinteresse an Netflix in der Schweiz riesig. Ein weiterer Grund: Zwar bezahlen hier, wo der Download aus eigentlich illegalen Quellen legal ist, viele Serienfans den Nulltarif. Abgesehen von den moralischen Implikationen, bedarf es allerdings eines gewissen technischen Know-how, bis man so zu seiner Lieblingsserie kommt. Und bei Video-on-Demand-Diensten, wie etwa Swisscom TV oder iTunes, bezahlt man für jede Folge einzeln. Serien gucken kann so schnell zu einem teuren Hobby werden. Für den Kunden lohnt sich das Netflix-Angebot da nur schon, um für 11.90 Franken die erste Staffel von «Fargo», die bisher weder im deutschsprachigen Bezahl-TV noch im Free-TV lief, anzuschauen.

Netflix hat so Bewegung in den hiesigen Flatrate-Markt gebracht. Cablecom hat mit My Prime seit zwei Wochen einen eigenen Dienst mit 74 Serien am Start. Bis Ende Jahr will die Firma ihr Angebot vervierfachen. Angesichts der angebotenen Serien – es findet sich keine einzige aktuell angesagte US-Serie darunter – darf man sich nicht allzu viel erhoffen. Bemerkenswert ist allerdings die Eigenproduktion «Fässler-Kunz» mit Patrick Frey (Ausstrahlungsdatum: Dezember 2014).

Bereits Ende 2013 lancierte der Schweizer Onlinedienst Teleboy eine Serienflatrate. Inzwischen «pausiert» man – die Firma arbeitet an einem Nachfolgeprodukt. Vertröstet wird der Kunde auch bei Swisscom. Eine Videoflatrate ist erst für Ende Jahr vorgesehen. Sunrise wiederum offeriert eine Flatrate – allerdings bloss mit Kindersendungen.

Dass der Schweizer Videoflatrate-Markt noch sehr überschaubar ist, liegt am Kampf um die Lizenzen. Die Serienbranche bedient verschiedene Verwertungsketten: Pay-TV, DVDs, Free-TV, Video on Demand – und eben Flatrate-Dienste. Letztere müssen auf das deutschsprachige Erstausstrahlungsdatum warten – es sei denn, sie böten mehr, was bei den ohnehin teuren Lizenzen nicht drin liegt. Zusätzlich muss nämlich auch die Musik der Serien lizenziert werden.

Lückenhaftes Angebot

Sogar das mächtige Netflix unterliegt diesen Marktgesetzen. Für ihren Deutschland-Start wollten die Amerikaner die Lizenz für den «Tatort» erwerben, die ARD lehnte aber ab. Sogar die eigenen Produktionen wie «House of Cards» laufen nicht garantiert zuerst auf Netflix. Für 100 Millionen Dollar hat man die ersten beiden Staffeln produziert – mit dem Plan, über das Exklusivangebot neue Abonnenten anzulocken. Bloss: Im deutschsprachigen Raum hat das Pay-TV Sky die exklusiven Erstausstrahlungsrechte für «House of Cards» inne. Zudem verlängerte Sky den bestehenden Exklusivvertrag mit dem amerikanischen Pay-TV-Kanal HBO bis zum Ende des Jahrzehnts. Beliebte HBO-Serien wie «True Detective» oder «Game of Thrones» fehlen deshalb im Netflix-Angebot.

Im Vergleich mit den Schweizer Videoflatrate-Anbietern nimmt sich das Netflix-Angebot aber üppig aus. Ausserdem stellt der Dienst in Aussicht, für jeden Markt Eigenproduktionen herzustellen. Zur Zeit analysiert Netflix die Sehgewohnheiten und Serienvorlieben der einzelnen Zielpublika. Trotz des beeindruckenden Einstands ist ein sofortiger Erfolg allerdings nicht programmiert. Denn das Angebot, so wie es sich aktuell präsentiert, macht für eingefleischte Serienfans Videothekenbesuche, DVD-Kauf oder Downloads nicht überflüssig. Im Gegenteil, es zeigt, dass der Markt hochgradig fragmentiert ist. Wer wo mit welcher Technologie für wie viel Geld welche Serien anbietet, ist kaum zu überblicken.

Die Fernsehrevolution, das zeigt der Blick ins Seriengeschäft, hat definitiv begonnen – eine neue Ordnung ist noch nicht in Sicht.

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