Heile Welt im Fernsehen

Mit Auftanken.tv ist ein neuer Schweizer Kanal auf Sendung, der auf negative Reize verzichtet. Ein Zapping-Test.

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Die Frage ist, wofür das Fernsehen da sein soll. Zum Informieren und Unterhalten natürlich. Wenn man müde oder gestresst von der Arbeit nach Hause kommt, ist der dringendste Zweck aber wohl: abschalten. Also zuerst einschalten und dann abschalten natürlich.

«Was uns am Bildschirm erwartet, hat aber im allerseltensten Fall mit Abschalten zu tun. Im Gegenteil – wir sind nach dem TV-Konsum oft noch gestresster als zuvor», heisst es in der Mitteilung, die zum Start von Auftanken.tv verschickt wurde. Der neue Schweizer Sender ist seit diesem Dienstag via Swisscom-TV zu empfangen und auch über einen Livestream auf der Website zu sehen.

Alternative zu billiger Unterhaltung

Na ja, die eine oder andere Sendung zum Abschalten gibt es ja schon. Idealerweise hat man Replay, sodass man sich all die Nachmittagssendungen auf den Privatsendern auch am Abend nach der Arbeit anschauen kann. Die haben eine komplett stressfreie Wirkung, weil man dazu kaum eine zusätzliche Hirnzelle bemühen muss.

Man kann dort Menschen beim Shoppen, Heiraten, Handwerken, Brautkleidaussuchen, Kindererziehen, Kleiderschrankausmisten, Möbelversteigern oder Kochen zuschauen. Das ist Unterhaltung und Abschalten in einem. Für die leichte Bildung hat man je nach Vorliebe die Wahl zwischen Populärwissenschaftsshows, Sendungen mit Prominews oder Tieren.

Von Quallen und Kreditkarten

Aber zurück zu Auftanken.tv. Beim ersten Reinzappen an einem Vormittag diese Woche: Ein Vogel, der auf einem Ast sitzt. Und dann noch ein Vogel. Dazwischen Aufnahmen von Blumen und dann wieder ein Vogel. Ohne Kommentar, nur mit ein bisschen Musik dazu. Das hat tatsächlich etwas Entspannendes. Es folgt ein Storch aus dem Basler Zoo und ein dazugehöriger Bericht.

Später erfahren wir etwas über Quallen: Zum Schutz vor ihnen sollen Damenstrumpfhosen nützen, sagt die Expertin aus dem Zoo, und wenn man doch in Kontakt komme mit so einem Tier, könne man die betroffene Stelle mit Meerwasser säubern und die Reste mit einer Kreditkarte abschaben. Interessant. Die offenbar selber produzierte Reportage ist sauber aufbereitet, so wie man es sich von Tiersendungen gewohnt ist.

Der Sender zeigt keine Gewalt

Reportagen und Dokumentarfilme über Land und Leute, Natur und Tiere zählen laut der Gründerin Yvonne Maurer zu den Schwerpunkten des Senders, den die Zürcherin aus eigener Tasche finanziert, «da ich das Geld nicht für Kinder sparen muss, die ich nicht habe», wie sie auf Anfrage mailt. Sie hoffe aber natürlich auf Sponsoren und Werbende, die ihre Absicht unterstützten.

Und diese ist: die Zuschauerinnen und Zuschauer «zu sich selber führen, zu mehr innerem Wohlsein und besserer Kommunikation mit sich und den anderen». Viele Menschen hätten ihr gesagt, dass ihnen das Fernsehschauen gar nicht guttue. Daher gibt es auf Auftanken.tv auch keine Spielfilme, «in denen kaltblütig verletzt, geschossen, erdrosselt wird und die die Zuschauenden in Spannung versetzen, gereizt und leer zurücklassen, sodass der Kühlschrank anschliessend geplündert werden muss», so Yvonne Maurer. Die 74-Jährige ist studierte Ärztin und Theologin und Gründerin des Instituts für Körperzentrierte Psychotherapie (IKP) in Zürich und ist auf dem Sender ebenfalls mit Lebenshilfeansprachen zu sehen.

André Rieu und Teleshopping zum Weiterzappen

Beim zweiten Reinzappen steht der Geiger André Rieu auf einer Konzertbühne. Auf das Stück folgt ein Schnitt zu einem kuriosen Quartett: Ein Mann und eine Frau sitzen mit Gitarre auf einem Stuhl, hinter ihnen je eine Frau. Die beiden fingern immer wieder von hinten dazwischen und greifen ins Gitarrenspiel ein, was offenbar allen vieren Spass macht.

Während man gerade noch über diese etwas schräge Erfahrung nachdenkt und sich über die schlechte Bildqualität wundert, die vermutlich dem fortgeschrittenen Alter der Aufnahme geschuldet ist, geigt schon wieder in bester Bildqualität André Rieu, dieses Mal in einem anderen Konzert. Er spielt einen Walzer, den der Schauspieler Anthony Hopkins höchstpersönlich komponiert hat, der sichtlich stolz im Publikum sitzt.

Beim nächsten Reinzappen spielt noch immer André Rieu, beim übernächsten auch. Eine Zuschauerin im Publikum wischt sich gerührt eine Träne weg, auf dem Sofa macht sich derweil etwas André-Rieu-Überdruss breit. Nächste Sendung: Teleshopping. Heute unter anderem mit einem Superstaubsauger, einer CD-Collection von Ernst Mosch und seinen Original Egerländer Musikanten und einem «Vibrashaper» für eine Topfigur.

Oase im Fernsehmarkt

Ja, Teleshopping-Schauen kann definitiv auch entspannend sein, aber das gibt es ja auch auf anderen Sendern zur Genüge, dafür ist kein neuer Schweizer TV-Sender nötig. Die Abendreportagen – zuerst geht es um eine deutsche Mittfünfzigerin, die den Bauchtanz für sich entdeckt und dafür ihren Mann aussortiert hat, später um eine deutsche Hebamme in Ghana –, können sich dagegen wieder sehen lassen. Beide Formate sind eingekauft, wie auch andere an diesem Tag; manche Sendungen wurden von SRF produziert, andere von Arte oder Wellenreiter.tv. Wiederholungen gibt es im 24-Stunden-Programm auch, aber laut Maurer nur so, dass es die Zuschauenden meist nicht realisierten.

Auftanken.tv versucht also, eine positive Welt zu zeigen, ohne auf billige Unterhaltung zu setzen. Diese Fernsehoase ist zwar nett und viele Sendungen sind solid produziert, das Programm wirkt jedoch etwas aus der Zeit gefallen, sodass sich von der angestrebten Zielgruppe «Jugendliche bis 4. Lebensphase» vor allem bis ausschliesslich Zuschauer am älteren Ende der Skala angesprochen fühlen dürften. Das Fernsehrad lässt sich damit aber weder zurückdrehen noch neu erfinden.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.10.2017, 13:43 Uhr

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