Goethe mit Faustschlägen

Noch mehr als sonst ging es im neuen Weimarer «Tatort» um Kultur und Gewalt – was in «Der kalte Fritte» gehörig aus dem Ruder lief.

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Endlich Goethe in Weimar. Oder wenigstens ein Museumsprojekt für den grossen Dichter, für das es verschiedene Standorte gibt. Die Suche nach dem besten davon mündet in Mord und Totschlag. Ihm fällt zum Beispiel der Leiter des Auswahlausschusses zum Opfer. Standesgemäss für den Kultur-«Tatort» wird er mit einer Gipsbüste von Walter Gropius erschlagen. Während dazu der «Liebestraum» von Franz Liszt erklingt.

Lustig? Es geht. Denn die Museumssache ist nur einer der vielen Stränge in «Der kalte Fritte». Im sechsten «Tatort» aus Weimar gibt es auch einen finnischen Profikiller, der während der Arbeit mit seiner Frau telefoniert. Ein Bordell namens «Chez Chériechen». Eine Kiesgrube, in der sich so manches verstecken lässt. Und einen Hochstapler, der Kandinsky-Bilder fälscht und dazu noch der Papa des Polizeichefs ist. Da verliert sogar das Ermittlerduo Dorn und Lessing den Überblick.

Wieder im Schlafzimmer

Die beiden sind ja die Coolsten, seit es «Tatort»-Paare gibt. Zuletzt gesehen hatten wir sie erst vor zwei Monaten, als sie in «Der wüste Gobi» ständig im Bett (und anderswo) lagen, um ungestörten Sex zu haben. Jetzt treffen wir sie erneut zuerst im Schlafzimmer, aber diesmal geht es nicht um Beischlaf, sondern um ein Gespräch über den Sohn, der vielleicht hochbegabt ist (denkt er), vielleicht aber auch einfach renitent (denkt sie). Auf jeden Fall hat die Kindergärtnerin ein Elterngespräch anberaumt. Auch dieser Strang wird durcherzählt, aber ohne – das ist ein Punkt für die Inszenierung von Titus Selge – den Spross je zu zeigen.

Das grundsätzliche Problem ist hier keineswegs dieses von Nora Tschirner und Christian Ulmen gespielte Ermittlerduo. Besonders sie kann sich voll entfalten, mal tanzt Frau Kommissarin im Puff an der Stange, mal fährt sie Bagger in der Kiesgrube. Für sich gesehen, sind das alles gelungene Szenen. Aber sie fügen sich zu keinem Ganzen, im Gegenteil: Je länger dieser «Tatort» dauert, desto abstruser wird er. Und am Ende gibt es kein Herauskommen, darum schlagen sich die Protagonisten vorsorglich mal die Köpfe blutig. So untergebracht sind – Kultur, Kultur! – Filmzitate von Quentin Tarantino bis Paolo Sorrentino.

Alle ein bisschen verhaftet

Vielleicht liegt der ganze Wirrwarr daran, dass das Drehbuch erstmals vom auf Gags spezialisierten Autor Murmel Clausen alleine geschrieben worden ist. In den früheren Folgen aus Weimar stand ihm stets der Routinier Andreas Pflüger zur Seite, der eher für die Struktur zuständig war. Der hätte ganz bestimmt ein paar Figuren und Handlungsstränge gestrichen. Am Schluss sind nämlich fast alle ein bisschen verhaftet. Aber wer genau jetzt was und mit wem ... egal.

Abschreiben wollen wir die Weimarer nicht. Dafür ist das Ermittlerduo einfach zu gut. Das zeigt sich auch in der besten Szene aus «Der kalte Fritte», einer ganz ruhigen notabene. «Dürfen wir mal bitte fragen, weshalb man uns hier wie Verbrecher behandelt?», will eine entnervte Verdächtige wissen, die mit ihrem Mann verhört werden soll. «Natürlich», antwortet Lessing. Schweigt dann. Bis schliesslich Dorn einspringt. Und hinzufügt: «Dürfen wir nicht sagen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.02.2018, 21:49 Uhr

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