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Kein Ponyhof

Heute läuft auf SRF der zweite Teil von «Dynastie Knie». Die Familiensaga zeigt, wie hart das Leben in der Traumwelt Zirkus ist.

Marie-José Knie war die erste Frau, die nicht selbst aus der Zirkusdynastie stammt und in der Manege auftritt. Fotos: SRF
Marie-José Knie war die erste Frau, die nicht selbst aus der Zirkusdynastie stammt und in der Manege auftritt. Fotos: SRF

«Das ist unser Leben, wir sind so aufgewachsen, wir kennen nichts anderes» – Géraldine Knie spricht über ihre Leidenschaft: den Zirkus. Dieses Jahr feiert er Jubiläum. 100 Jahre ist es her, seit die vier Brüder Friedrich, Rudolf, Charles und Eugen gegen den Willen ihrer Mutter und auf Pump ein riesiges Zelt kauften. 1919 feierten sie auf der Berner Schützenmatte die Premiere als National-Circus Knie.

Eine zweiteilige Doku-Fiction-Serie auf SRF hat die Geschichte der Familie zum Thema, die nun in der achten Generation in der Manege auftritt, wobei die TV-Produktion bereits im Vorfeld für Misstöne sorgte. (Lesen Sie hier, weshalb.)

Trotzdem zeigt sie eindrücklich, wie sich das Zirkusleben während der letzten 100 Jahre veränderte. Heute bringen Sattelschlepper die Gerüste und Blachen, die Wohnwagen haben fliessendes Wasser, unter dem Zeltdach fliegen Drohnen eine Lichtshow. Früher zogen Pferde die Zirkuswagen in den nächsten Ort, die Familie baute die Arena unter freiem Himmel auf und spannte ein Seil zwischen zwei Häusern. Seilartisten – die Aushängeschilder des Zirkus – balancierten über einer staunenden Menge. Nach den Vorstellungen warteten die Fräuleins auf die vier Brüder. So lernte Gründer Friedrich Knie seine Frau kennen, Margrit Lippuner.

Fräulein Margrit lernt Friedrich Knie kennen. Zu Beginn spielt Mona Petri ihre Rolle glaubwürdig, die gealterte Margrit wirkt dagegen aufgesetzt.

Ihr folgt der fiktionale und chronologisch erzählte Teil der Geschichte. Parallel dazu laufen die Vorbereitungen für die aktuelle Jubiläumsshow – Blicke hinter die Kulissen. Dazwischen alte Schwarzweissaufnahmen und Zeitzeugen aus und von ausserhalb der Familie. Immer wieder ist auch eine Stimme aus dem Off zu hören, eine etwas zu märchenangehauchte. Trotzdem: Die Montage ist gelungen. (Hier gehts zu unserem Zoom-Fotoblog über die Premiere der Knie-Jubiläumsshow.)

Was allerdings verwirrt und gleichzeitig schwer zu ändern ist: die vielen Namen und Generationen. Fredy senior und junior, Franco senior und junior, weitere Söhne, die die Namen ihrer Väter tragen, dazu noch mehr Brüder, Cousins, Enkel, Grosseltern. Am besten, man druckt sich den Stammbaum vorher aus und setzt sich damit vor die Doku-Fiction.

Auch die düsteren Zeiten während des Zweiten Weltkriegs kommen zur Sprache oder die immer lauter werdenden Proteste der Tierschützer gegen die Tiernummern und die daraus folgenden Konsequenzen. Dazu Familienstreitigkeiten, den Weggang des einen oder anderen Bruders aus der Manege, wobei auch hier zu viel ungesagt bleibt.

Géraldine Knie, in der Mitte des Familienbildes, mit Baby auf dem Arm, ist heute artistische Direktorin beim Zirkus.
Géraldine Knie, in der Mitte des Familienbildes, mit Baby auf dem Arm, ist heute artistische Direktorin beim Zirkus.

Gerade als es um die Auftritte im Deutschen Reich ging, aber auch an anderen Stellen, hätte man sich eine solidere Einschätzung der externen Expertinnen und Experten gewünscht. Die Historikerin schien zu begeistert und eingenommen vom Zirkus, als dass man ihr Objektivität abgenommen hätte. Der Boulevardjournalist schien beinahe zufällig aufzutauchen, so wenig und punktuell war er zu hören. Rolf Stey, Zirkusdirektor im Ruhestand, äusserte sich mehrheitlich bewundernd. Andere Konkurrenz oder wirkliche Kritiker kommen nicht zu Wort.

Doch man sieht: Unverdient geniesst die Familie ihren Status als Crème de la Crème der Schweizer Zirkuslandschaft nicht. Fredy Knie junior, der dieses Wochenende seine letzte Vorstellung in der Manege gab (lesen Sie hier mehr darüber), blickt auf ein Leben voll harter Arbeit zurück. «Wenn man nicht krampft, kommt man zu nichts», «zuerst die Vorstellung, dann alles andere» sei ihm von seinem Vater eingetrichtert worden. Geweint werde erst hinter dem Vorhang. Trotzdem ist der 17-jährige Ivan Knie in die Fussstapfen seines Grossvaters Fredy junior und seiner Mutter Géraldine getreten. Auch er ist streng zu sich selbst. Nach seiner Geburtstagsparty steht er am nächsten Morgen um 7 Uhr wieder im Sägemehl und dressiert sein Geburtstagsgeschenk: ein Pferd.

Ivan Knie sieht seine Zukunft im Zirkus und ist bereit, weiter hart dafür zu arbeiten.
Ivan Knie sieht seine Zukunft im Zirkus und ist bereit, weiter hart dafür zu arbeiten.

Auch sonst ist der Zirkus bestimmt nicht nur die Traumwelt, die er in der Vorstellung verkauft. Seit keine Elefanten und Raubtiere mehr auftreten, muss sich die Familie Neues einfallen lassen, um das Publikum bei der Stange zu halten, die Zusammenarbeit von Mitarbeitenden aus 14 Nationen muss reibungslos funktionieren, während die Vorstellung im Zelt läuft, sind andere bereits mit dem Abbau des Trosses beschäftigt. Kostendruck, Zeitdruck. Und mitten in den ganzen Vorbereitungen zur grossen Jubiläumsshow der Schock: Peter Wetzel, Clown Speedy, stirbt. Familie Knie und die Mitarbeitenden trauern. Gleichzeitig muss die Show weitergehen.

Am Ende des zweiten Teils sind die Kostüme rechtzeitig fertig geworden und das Publikum strömt, wie bereits vor 100 Jahren, ins Zelt zur grossen Premiere. Diesmal zum grossen Jubiläum. Die Pferdenummern entlocken dem Publikum und der Zuschauerin vor dem TV-Bildschirm verzückte «aaahs».

Ohne die Erfolge der Zirkusfamilie schmälern zu wollen, nach dem Zweiteiler bleibt der Eindruck, dass man vor allem das Bild behalten soll, das für vor dem Vorhang gedacht ist.

Den ersten Teil von «Dynastie Knie – 100 Jahre Nationalcircus» können Sie hier nachschauen.

Der zweite Teil läuft am Montagabend auf SRF 1, 20.05 Uhr.

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