Ganz nahe auf Ronaldo

SRF bietet, was ein Experimentalfilmer vor 45 Jahren erfunden hat: Den ganzen Match auf einen einzelnen Fussballer fokussiert.

Immer bei Cristiano: Wer Spieler Team A wählt, erhält einen speziellen Blick auf Ronaldo. (Bild: Scrennshot SRF Online)

Immer bei Cristiano: Wer Spieler Team A wählt, erhält einen speziellen Blick auf Ronaldo. (Bild: Scrennshot SRF Online) Bild: SRF

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Was hat Cristiano Ronaldo gestern im Spiel gegen Island alles so getrieben? Klar, beim Betreten des Platzes hüpfte er vor Freude wie ein Frosch. Und in der 94. Minute vergab er die letzte Freistosschance für Portugal kläglich. Das haben alle gesehen. In der 11. Minute aber diskutierte er gestikulierend mit dem Schiedsrichter. Und in der 88. band er sich im gegnerischen Strafraum die Schuhe. Das weiss nur, wer bei der SRF-Online-Übertragung auf den Spieler des Teams A fokussierte.

Das Schweizer Fernsehen bietet im EM-Livestream aus Frankreich einen neuen Dienst an: Das Spiel gibt es nicht nur aus der normalen Perspektive zu sehen. Wer will, kann während der Übertragung in eine Taktikansicht wechseln, die aus der Vogelperspektive eine bessere Übersicht bietet. Und es gibt auch die Möglichkeit, einem einzelnen Spieler zu folgen: Er bleibt im Zentrum, egal ob sich die Aktion bei ihm abspielt oder am anderen Ende des Feldes.


Jeder sein eigener Regisseur: Im SRF-Livestream kann man wechseln zwischen der Taktikansicht, die stets das ganze Feld zeigt ...

... oder einem Spieler aus Island – hier Sigurdsson – folgen...

... oder doch lieber den Portugiesen mit Ronaldo auf den Leib rücken.

Die Idee ist nicht neu. 2006 gab es einen Kinofilm über Zinédie Zidane, in dem 17 Kameras dem Real-Star im Spiel gegen Villarreal auf Schritt und Tritt folgten, angereichert mit einem Soundtrack der schottischen Gruppe Mogwai. Inspiriert war dieses Porträt wiederum von einem deutschen Experimentalfilm aus dem Jahr 1970. Er trägt den programmatischen Titel «Fussball wie noch nie».

Im Zentrum steht der Manchester-United-Spieler George Best, der für seine Antrittsschnelligkeit ebenso bekannt war wie für seine Torgefährlichkeit. Er war aber schon während seiner Karriere ein ausdauernder Trinker und starb 2005 im Alter von 59 Jahren. In seiner Heimat Nordirland wird er bis heute kultisch verehrt. Dort gilt das geflügelte Wort «Maradona good, Pelé better, George Best».

90 Minuten lang nichts anderes als George Best

Wie gut Best war, blitzt im Film «Fussball wie noch nie» auf. Acht 16-mm-Kameras folgten ihm 1970 im Old-Trafford-Stadion in einem Match gegen Coventry City, er schiesst darin ein Tor und liefert seinem Kollegen Bobby Charlton eine Vorlage. Dazwischen nimmt er sich auch manche Auszeit. Die Kamera bleibt immer auf ihm, oft so nahe, dass fast nur noch sein Hintern zu sehen ist.



Realisiert hat dieses Pionierwerk der deutsche Experimentalfilmer Hellmuth Costard (1940–2000). Einen Skandal verursachte dieser Weggefährte von Werner Herzog und Rainer Werner Fassbinder 1968 mit einem Kurzfilm, in dem ein Penis den Passus zur Sittenwidrigkeit im neuen deutschen Filmförderungsgesetz aufsagte. Auch in seinen George-Best-Film schnitt Costard experimentelle Passagen: Ab und zu ertönt darin unvermittelt ein Musikstück. Und in der Pause des Spiels schaut George Best minutenlang direkt in die Kamera – wobei der Fussballer in dieser offensichtlich viel später entstandenen Aufnahme einen Bart trägt, den er vorher und nachher auf dem Feld nicht hatte.

Damals Proteste, heute Kult

Trotzdem wurde der Film 1971 von der ARD zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Er stiess weitgehend auf Unverständnis, es hagelte Beschwerdebriefe über diese unzumutbare Art, einen Fussballmatch zu präsentieren. Inzwischen hat «Fussball wie noch nie» Kultstatus, taucht da und dort in Fussballfilmprogrammen wieder auf und ist als DVD erhältlich – teilweise in einer Version mit einem neuen Soundtrack, den der irische Komponist Matthew Nolan 2005 komponierte.

Dieses Erlebnis kann man nun also bei jedem Match der Fussball-EM wiederholen. Ganz frei in der Auswahl der Spieler ist man allerdings nicht. Das Schweizer Fernsehen – respektive die Uefa, die auch diese Bilder produziert – schreibt einem vor, wem man zu folgen hat. Und es ist nicht im ganzen Spiel derselbe: Nach 15 Minuten wechselt in der Regel die Perspektive. Auf Ronaldo folgten zum Beispiel gestern bei Portugal 15 Minuten mit Moutinho. In der 31. Minute kam dann Stürmer Nani gross ins Bild.

Das immerhin lohnte sich. Er spielte viel besser als Ronaldo. Und schoss gleich ein Tor.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.06.2016, 10:49 Uhr

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