Friss oder stirb

Urs Gredigs Schweizer CNN wird bald ein Jahr alt. Die Quoten sind miserabel. Bringt das WEF die Wende?

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Der Mann redet laut, unglaublich laut.

Die Kamera weicht zurück, er dröhnt in die Kamera hinein, über Aktien und Unternehmen und Märkte. Kapitalismus als Spektakel. Und schon folgt die nächste Werbepause.

Promo-Clip zu «Quest Means Business»

Richard Quests Infotainment-Sendung «Quest Means Business» auf CNN ist der Goldstandard des amerikanischen Wirtschafts-TV, das dieses Jahr eingeschweizert wurde. Mit Schmiss und vor grossen Leinwänden wird über das ganz grosse Geld geredet. CNN Money Switzerland heisst der Sender. Ein knappes Jahr ist er nun im TV-Programm.

Inhalt? «Finance, business, economy, culture and lifestyle with a Swiss focus.» Publikum? «Decision-makers and influencers.» So die Homepage des Senders.

Chefredaktor ist Urs Gredig, der frühere «Tagesschau»-Moderator und Grossbritannien-Korrespondent von SRF. Im Verwaltungsrat sitzen Aktionäre aus Bangladesh und den Vereinigten Arabischen Emirate. CNN erlaubt gegen eine Lizenzgebühr die Nutzung der Marke und gibt technologische und journalistische Unterstützung. Finanziell muss CNNMS aber eigenständig überleben. Falls die Schweizer nicht rentieren, können sie nicht auf Hilfe vom grossen amerikanischen Bruder hoffen.

Schawinskis Zweifel

Bislang ist die Quote miserabel. Pro Tag schauen durchschnittlich 3500 Zuschauer zu, was einem Heimspiel des FC Winterthur entspricht. Die Forschungsstelle Mediapulse führt den Sender nicht auf. Am unteren Ende der Mediapulse-Quotenrangliste rangiert Tele Basel mit einem Marktanteil von 0,2 Prozent. Bei Tele Basel schalten pro Tag durchschnittlich 100’000 Zuschauern ein.

Lukas Hässig, Wirtschaftsjournalist und Schweizer Journalist des Jahres 2018, sagt denn auch: «Bis jetzt sind die Einschaltquoten im kaum wahrnehmbaren Bereich, wenn ich das richtig mitbekommen habe.»

Promo-Clip zu CNN Money Switzerland

Reto Lipp, Moderator des SRF-Wirtschaftsmagazins «Eco», hat ebenfalls nicht allzu oft eingeschaltet. Gefragt nach Primeurs, nach herausragenden Leistungen der neuen Konkurrenz, sagt er: «Leider war ich dieses Jahr so stark mit meinen eigenen Sendungen beschäftigt, dass ich mich sehr selten in das Programm von CNNMS vertiefen konnte.»

Und Roger Schawinski kann dem Sender nicht viel abgewinnen. Er könne bei CNN Money Switzerland weder eine relevante Marktlücke noch ein namhaftes Zielpublikum erkennen, sagt der TV-Pionier. «CNN ist einer meiner absoluten Lieblingssender. Dies gilt in keiner Weise für CNNMS.»

Arbeiten für Firmen

Chefredaktor Urs Gredig sieht die Sache selbstredend anders, weit positiver. Man habe es geschafft, die «wirtschaftsinteressierten Opinion Leaders» anzusprechen. Das zeige die Publikumsforschung. Zudem gehe es längst nicht mehr nur ums Fernsehen allein, sondern um alle möglichen digitalen Kanäle. Auch CEO Christophe Rasch betont, die Quote sei nicht alles. «Uns interessiert mehr die Qualität als die Quantität des Publikums.»

Gredig beim Start des Senders.

Rasch macht klar, wie sich sein Sender vor allem finanziert: Mit Auftragsarbeiten für Grosskonzerne, etwa mit genehmen Interviews, die mit «Branded Content» deklariert werden. Gewinn schreibt CNN Money Switzerland nicht. Aber man sei im Businessplan «weiter als ursprünglich vorausgesehen», sagt Rasch.

Für Banker zu allgemein

Schlecht sind die Sendungen nicht. Immer wieder gelingt es Gredigs Team, prominente Köpfe vor die Kamera zu holen. «Das Format scheint für Meinungsführer attraktiv zu sein», sagt Lukas Hässig. Nationalbankpräsident Thomas Jordan war schon da, Nobelpreisträger Joseph Stiglitz auch. Diese Woche wurde Whistleblower Bradley Birkenfeld befragt. Zugleich ist das Problem von CNN Money Switzerland offensichtlich. Für Normalbürger sind die vielen Gespräche zu langwierig und zu detailliert, für Banker düften sie zu allgemein und zu wenig fokussiert sein.

Nun macht sich Gredig an ein Grossprojekt, das seinen Sender aus der Nische hieven könnte: Er übernimmt grossteils die Berichterstattung des nächsten WEF. Dem Schweizer Fernsehen ist das schicke Davos zu teuer geworden, es sendet nur noch eine einzige Live-Show. Eine grosse Chance sei das für seinen Sender, sagt Gredig. «Während des Forums wird unser Programm voll und ganz aufs WEF ausgerichtet sein.» Man habe das Team aufgestockt und schon Zusagen einiger Verwaltungsratspräsidenten und CEOs bekommen. «Auf die Zusage von Präsident Trump warten wir noch.»

Auch sonst stehen die Zeichen auf Expansion. Nächsten Sommer werde man am Genfersee ein weiteres Studio eröffnen, sagt CEO Rasch. Es soll eines der modernsten TV-Studios auf dem Kontinent werden. Die Schonfrist nach Jahr eins ist vorbei, nun gilt für CNN Money Switzerland: Friss oder stirb. Oder wie es Richard Quest nennt: Es waltet die «saubere Arbeit des freien Marktes».

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