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Erst brennt die «Schwulenkarre», dann ein Mensch

Der neue Berliner «Tatort» fragt, was wahre Liebe bedeutet: in poetischen Bildern und mit raffinierten Wendungen.

Die Berliner Mordkommissarin Nina Rubin (Meret Becker) muss angesichts der verkohlten Leiche in der Tempelhofer Laube erst mal tief Luft holen, während der Spurersicherer flapsige Witze macht.
Die Berliner Mordkommissarin Nina Rubin (Meret Becker) muss angesichts der verkohlten Leiche in der Tempelhofer Laube erst mal tief Luft holen, während der Spurersicherer flapsige Witze macht.
ARD
Erst mal fällt der Verdacht auf einen ex-jugoslawischen Schüler des schwulen Mordopfers und dessen homophobes Umfeld.
Erst mal fällt der Verdacht auf einen ex-jugoslawischen Schüler des schwulen Mordopfers und dessen homophobes Umfeld.
ARD
Die Kommissarin, die nur schwer von ihren ausserehelichen Eskapaden lassen kann, versuchts noch einmal mit «trautes Heim, Glück allein». Und hat Mühe damit.
Die Kommissarin, die nur schwer von ihren ausserehelichen Eskapaden lassen kann, versuchts noch einmal mit «trautes Heim, Glück allein». Und hat Mühe damit.
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Das Meer rauscht. Welle um Welle brandet unter nächtlichem Himmel heran. Der helle Saum der Gischt bricht durchs Dunkel, und das Klavier tropft zarte Töne ins Tosen (Musik: Arvo-Pärtiges von Loy Wesselburg). In der Ferne die Lichter der Stadt; in der Nähe der Umriss eines Mannes, der gedankenschwer am Ufer sitzt.

Fast zwei Minuten gönnt die preisgekrönte Regisseurin Vanessa Jopp («Engel & Joe», «Klimawechsel») dieser poetischen Vision zum Auftakt des neuen Berliner «Tatorts» mit dem Titel «Amour fou». Vermutlich ist die Passage ja ihre ganz persönliche amour fou. Aber das geht in Ordnung. Denn handelt es sich nicht um ein Regie-Sperenzchen, sondern, wie sich zeigen wird, um ein storyrelevantes Bildgedicht. Regie und Drehbuch – selbiges von «Tatort»-Routinier Christoph Darnstädt, der hier mehr als nur Dutzendware geliefert hat – machen wirklich gemeinsame Sache. Sie führen einander die Plot-Treiber zu und den Zuschauer dabei gekonnt aufs Glatteis. Oder eben ans Meer, das es ja gar nicht gibt am Tempelhofer Feld, wo der Unbekannte hockt, der so gern Baudelaire zitiert. «Paris change! Mais rien dans ma mélancolie.»

«80 Prozent migrantisch, 79 Prozent homophob»

In seiner Laube am Tempelhof liegt eine verkohlte, mit einem Plastikstuhl verschmolzene Leiche. Die Kommissare Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) konstatieren: Es ist die von Enno, dem Ehemann des Baudelaire-Aficionados. Und Enno hatte die Gegend eben immer «ein Stück Meer in der Stadt» genannt. Dort hatte er sich jeweils von seinem Lehrerjob an einer Neuköllner Problemschule erholt: Erholung tut not für einen offensiv schwulen Pädagogen, wenn die Kinder «zu 80 Prozent migrantisch, zu 79 Prozent homophob» sind. Haben seine Schüler ihn abgefackelt wie zuvor sein Auto?

Verdächtig ist auch der Bub, den Enno vor Jahren aus schlimmen Verhältnissen rettete und bei sich aufnahm: Vielleicht wurde der gutmenschelnde Lehrer ja doch pädophil übergriffig? Hinweise dafür gabs. Virtuos, wie das Drehbuch unsere Vorurteile und Ängste in den Figuren widerspiegelt wie etwa im Schulrektor. «Amour fou» hat uns voll im Griff; und fragt, übers angesagte LGBT-Thema hinaus, was wahre Liebe bedeutet.

Wahre Liebe

Klar, dass der schillernde Ehemann ebenso als Mörder in Betracht kommt: Jens Harzer ist hinreissend als hochironisch flirrender Liebender; da wirds dem bisexuellen Karow heiss. Leider gibts auch das stereotype schwangere Girlie samt eifersüchtigem Verehrer, etliche schwulenfeindliche Ausländer und eine Atlantikreise, die viel für die Filmästhetik, einiges für die Figurenpsychologie, aber nichts für die Glaubwürdigkeit des Krimis tut. Trotzdem: Alles ist anders, als es scheint. Der Berliner «Tatort» hat sich endlich von der mühsamen, über mehrere Fälle hinweg erzählten Vorgeschichte gelöst; er hat den Privatkram der Kommissare auf ein vertretbares Mass heruntergedimmt; und er dreht nun das Rauschen der Metropole auf. Zum Eintauchen.

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