Ein Abgesang auf den Raab

Der Kult-Moderator und Erfinder des Wok-Eisrodelns, Stefan Raab, verlässt Prosieben und gibt das Fernsehen auf. Vorläufig wenigstens. Ein paar Worte zum Abschied.

Hielt Privates am liebsten privat: Stefan Raab (mit unbekannter Begleitung) im Jahre 1998. Foto: Imago Stock&People

Hielt Privates am liebsten privat: Stefan Raab (mit unbekannter Begleitung) im Jahre 1998. Foto: Imago Stock&People

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Er geht jetzt, und persönlich macht mir das eigentlich nichts aus. Der Stefan Raab war, wie man bei ihm daheim so schön sagt, nie meins. Das war schon in seinen Anfängen so; Jahre ist das her, als er in seiner Sendung «TV-Total» (Prosieben) durch die weite Welt der Fernseh­absurdität ging und sich von fremder Leute Blödheit nährte – «schaunse mal», und die Peinlichsten lud er ein und verlieh ihnen Peinlichkeitspreise mit einem wölfischen Grinsen. Er hat ein enormes Gebiss, das sich gut zum satirischen Fletschen und Blecken eignet. Jedoch, sein satirisches Temperament war das eines humoristischen Haudrauf, der glaubt, ein Schreibtisch genüge, um Harald Schmidt zu werden. Er hatte seine paro­distischen Absichten, aber die Parodie wurde immer Selbstkarikatur.

Er geht jetzt, und anderseits macht es mir doch etwas aus, irgendwie, und man soll von den Gehenden nichts Schlechtes sagen. Ein leises Vermissen wird sich vielleicht einmal regen, ein verschämtes Verlangen nach gestandenem Unsinn und einer lauten, ehrlichen Vordergründigkeit. Man muss ja zugeben: Er war fähig, Schauder und Schrecken zu erregen im grossen Fernsehwelttheater; und man kann nichts machen: Er war ein begabter und tüchtiger Ungeist, war ein schöpferischer Erfinder von Veranstaltungen und ihren Abkürzungen, deren schönste SSDSDSSWEMUGABRTLAD lautete, das hiess: «Stefan sucht den Superstar, der singen soll, was er möchte, und gern auch bei RTL auftreten darf» – und unsere Stefanie Heinzmann hat davon fürs Leben profitiert.

Von der Pfanne abgeworfen

An der von ihm ersonnenen Wok-Weltmeisterschaft fahren seit zwölf Jahren Prominente in asiatischen Pfannen Rodelbahnen hinunter (ist Dümmeres vorstellbar?); 2006 hat auch DJ Bobo im Einerwok daran teilgenommen, und die Pfanne warf ihn ab, wenn die Erinnerung nicht täuscht. Man könnte sagen (viele sagen es), der Raab habe im Eurovision Song Contest Deutschland eigenhändig wieder auf die Landkarte der beliebtesten Fürchterlichkeiten gebracht, seis durch das selbst gesungene Lied «Wadde Hadde Dudde Da», mit dem er Fünfter wurde; seis, dass er den ehrenwerten Guildo Horn nach seinem TV-Bilde schuf als eine Mischung aus zottelhaariger Unmusikalität, Mutterliebe und der Sucht nach Nussecken.

Der Lena Meyer-Landrut hat er ferner 2010 sehr aktiv den Boden zum Sieg bereitet; so ein Ereignis war das, dass die Lena und er es sich leisten konnten, den gratulationswilligen damaligen Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Christian Wulff, mit seinem Blumensträusslein ewig auf dem Flug­hafen warten zu lassen.

Und einmal hat er deutsche Boxmeisterin werden wollen, seine Nase schien einem seither etwas krumm; und auch weil er ein so körperbetontes Fernsehen machte, sagt man ihm jetzt nach, er sei ein ironischer Revolutionär gewesen.

Die Rampensau

Aber ich glaube ja, wenn ich in mich gehe, trotzdem, er war in Fernsehdingen einfach eine humorarme Kampf- und Rampensau. Derart war in «Schlag den Raab», seiner ihm wie natürlich angeborenen Sendung, immer seine Verbissenheit, dass man dachte, die gewaltigen weissen Zähne müssten splittern.

Ein einziges Mal aber war er doch ein wahrhaftiger Satiriker, in «TV-Total» wars, als er Dieter Bürgi zur Fahndung ausschrieb, einen Spengler aus Süddeutschland, der im Werbefernsehen das von den führenden Waschmaschinenherstellern gleichfalls empfohlene Calgon gegen den Lochfrass empfahl. Der Mann hatte den Dienst als vorzu­führender Studiogast verweigert: Das liess der Raab ihm nicht durchgehen und spielte wochenlang glänzend mit dem Widerspruch zwischen einem Riesenaufwand und der Nichtigkeit eines Anlasses.

Der Bürgi ist längst vergessen, aber ein kostbarer Augenblick Fernsehen lebt und in ihm das, was am Raab schätzenswert war. Jetzt geht er, und weil er auch in Angelegenheiten der Sprache nie zu den Feinfühligsten zählte, sagte er, er hänge seine «Fernsehschuhe an den Nagel». Wahrscheinlich wird er sie ja wieder runternehmen, irgendwann, bald. Der hält das nicht aus, sie hängen zu sehen. Aber vorläufig gilt, was der alte Reich-Ranicki gern sagte: Gehen Sie mit Gott! Aber gehen Sie!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2015, 07:21 Uhr

Raabs Karriere

Die wichtigsten Stationen

1966: Geburt in Köln. Seine Eltern betreiben eine Metzgerei.
1986: Abitur auf einem Jesuitenkolleg.
1987: Beginn eines Jusstudiums, Abbruch nach fünf Semestern.
Ab 1990: Produzent von Werbe-Jingles,u. a. für das «ARD-Morgenmagazin».
1993: Moderator bei Viva.
1994: Raabs Song «Böörti Böörti Vogts» – eine Veräppelung des deutschen Fussball-Nationaltrainers – erreicht Platz 4 der deutschen Hitparade.
1998: Komposition des ESC-Songs «Guildo hat euch lieb» für Schlagersänger G. Horn.
Seit 1999: Moderation der Late-Night-Show «TV Total» auf Prosieben.
2000: Teilnahme als Sänger am Eurovision Song Contest mit dem Song «Wadde hadde dudde da?».
2001: Raab erzielt mit einem Schaukampf gegen die Boxweltmeisterin Regina Halmich Rekordquoten. Er unterliegt deutlich.
2003: Raab erfindet eine neue Sportart: Eisrodeln in einem Wok.
2005: Auszeichnung mit dem Adolf-Grimme-Preis für die Castingshow SSDSGPS.
2006: Erstausstrahlung der Sendung «Schlag den Raab», in der Kandidaten zum sportlichen Wettbewerb gegen Raab antreten können.
2009: Madame Tussauds nimmt Raab in Berlin in das Wachsfigurenkabinett auf.
2013: Raab moderiert das Wahlkampf-TV-Duell der Kanzlerkandidaten Angela Merkel und Peer Steinbrück.
17. Juni 2015: Raab erklärt seinen Rückzug aus dem deutschen TV per Ende Jahr. Linus Schöpfer

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