Ebola in der Steiermark

Im Wiener «Tatort» kam Afrika in Form einer Seuche nach Europa.

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«Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.»

Das schrieb Friedrich Nietzsche. Und tatsächlich lagen schwer ein paar solch philosophische und geradezu apokalyptische Wolken über der österreichischen «Tatort»-Folge «Virus». Pandemische Bedrohungen gingen von der Oststeiermark aus und erreichten auch Wien. Menschen taten Ungeheuerliches gegen das Ungeheuerliche, und der Abgrund, in den sie blickten, hiess: Ebola. Die Geschichte führte nämlich ins Trauma eines menschlichen Versagens und zu einem steirischen Arzt, der kein Arzt mehr sein wollte.

Denn einmal, in Westafrika, war er vor dem Ebolavirus davongelaufen, weil er die Kranken, die ihm unter der Hand verbluteten, nicht mehr aushielt. Er hat dann einen sogenannten Fluchthof für afrikanische Immigranten gegründet zu Hause in Pöllau, wo das Gutsein komfortabler war. Dort aber suchte ihn ein anderer Arzt heim, ein schwarzer Studienkollege, den er seinerzeit hat sitzen lassen in Blut und Dreck. Der kam jetzt über den ehemaligen Freund mit heiligem Zorn, und er hatte selbst Ebola und wollte mit dem Fieber Österreich anstecken als afrikanische Mahnung an das feige Europa.

Es war nur eine schwere Erkältung

Die beiden töteten sich gewissermassen gegenseitig, der Österreicher den Afrikaner gleich am Anfang, wie wir am Ende erfuhren, der Afrikaner den Österreicher mit Verzögerung wegen der Inkubationszeit des Virus (und Sprengstoff spielte auch eine Rolle, wenn mans ganz genau nimmt). Keiner hatte ein Mörder sein wollen, beide wurden es, Absicht und Zufall lagen da nah beieinander. Zu lange Blicke in die Abgründe eben, und das war der Fall und die Lösung des Falls. Es schien einem dramatisch gesehen doch etwas schweratmig pathetisch und moralisch ein bisschen überreizt.

Andererseits war der Fall eigentlich gar kein Fall, sondern ein Anlass. Bei den Wiener «Tatorten» besteht die rechte Mischung ja aus den pflichtschuldigen Anteilen Seriosität und dem gehörigen sittlichen Unernst in den Dialogritualen des Ermittlerpaars Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser). Was für eine feine Kunst des sensiblen Grantlertums wieder in dieser Folge! Was für schöne Nebenfiguren auch, wie sie das Leben gar nie schreibt! Und das hätte uns gerade noch gefehlt, dass der Realismus im Fernsehen Konsequenzen gehabt hätte und wir den Eisner und die Fellner an eine Seuche verloren hätten.

Ringsum kams zu einigen Dramoletten der Seuchenbewältigungshysterie. Aber keine Sekunde haben wir geglaubt, dass die Bibi Fellner das Fieber wirklich hatte, obwohl ihre Darstellerin die Angst, es zu haben, sehr überzeugend spielte. Sie war nur schwer erkältet. Der Abgang erfolgte allerdings nach Paragraf 43 des Epidemiegesetzes in einer Art durchsichtigem Quarantänesarg. Wie die Bibi darin auf die Welt und den Eisner schimpfte, war ein Vergnügen und liess auf baldige Genesung hoffen.

DerBund.ch/Newsnet

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