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Dirnen-Dok: «Kaum Deutsch, dafür französisch»

Die Sendung «Reporter» auf SF1 begleitete den Zürcher Sittenpolizisten René Rüegsegger bei seinem letzten Dienst. Doch der Blick hinter die Kulissen des Rotlicht-Milieus war enttäuschend verschämt.

«Zwischen Rotlicht und Blaulicht – Ein Sittengemälde aus dem Zürcher Milieu.» Das klingt fast schon RTL-mässig dramatisch. Wer auf Grund des Titels der gestrigen Reporter-Sendung jedoch eine harte Milieugeschichte, die das Leben schrieb erwartete, zappte wohl bald weiter.

Dirnen sind alte Bekannte

René Rüegsegger schlendert durch sein Quartier, den Kreis 4 in Zürich. Er begrüsst die Dirnen auf der Strasse mit Vornamen, sie grüssen zurück. Zwölf Jahre arbeitet Rüegsegger schon bei der Sittenpolizei, die meisten der Sexworkerinnen sind alte Bekannte. Die Szenerie hat irgendwie etwas Heimeliges und man ist fast versucht zu vergessen, dass das Rotlicht-Milieu für viele Frauen die reine Hölle ist. Aber nur fast.

Reporter Roland Huber, die Stimme aus dem «Off», erzählt nämlich während der ganzen Reportage erschreckende Fakten: 3000 Dirnen arbeiten in Zürich. Fast alle sind Ausländerinnen, 95% von ihnen werden zur Prostitution gezwungen und oft misshandelt. Das klingt schlimm und macht nachdenklich. Doch für den Zuschauer, der sich im Milieu nicht auskennt, ist es nicht ganz einfach nachzuvollziehen. Denn die Reportage unterstreicht das Gesagte zu wenig mit gefilmten Szenen, die diese Fakten auch belegen können.

Freiwillig Sex in einer Kloake

Dem ruhigen Polizisten René Rüegsegger kommt man als Zuschauer nur teilweise näher. Dann zum Beispiel, wenn er mit den Prostituierten spricht und man merkt, dass er sie nicht nur anständig behandelt, sondern sich wirklich auf sie einlässt. Oder wenn er aus einem Bordell kommt und sich fragt, warum es Männer gibt, die freiwillig Sex in so einer Kloake haben wollen. Näher kommt der Reporter nicht an ihn heran.

Dass der Sittenpolizist einem eher fremd bleibt, liegt wohl auch daran, dass zu viel Sendezeit für Nebenschauplätze eingesetzt wurde. So lässt sich Rüegseggers Chefin minutenlang in einem kargen Polizeibüro darüber aus, dass auch Prostituierte Respekt verdienen und Menschen mit Gefühlen sind. Solche Platitüden tragen nun wirklich nicht viel dazu bei, das Berufsleben eines Sittenpolizisten und auch das harte Leben einer Frau auf dem Strassenstrich besser zu verstehen.

Blasen ohne Gummi

Die Reportage zeigt jedoch ein paar Szenen, die das Elend der Frauen erahnen lassen: Zum Beispiel der Blick in einen kleinen, schmuddeligen Wohnwagen, der für zwei Freier Platz bietet – und von den Polizisten als «komfortabel» beschrieben wird - im Gegensatz zu anderen Arbeitsstätten der Prostituierten im Kreis 4.

Einmal fragt Rüegsegger eine Prostituierte, ob sie denn Oralsex ohne Gummi anbiete. Sie versteht ihn nicht. Dann fragt er: «Blasen? Blasen ohne Gummi?». Das versteht die junge Frau und bejaht. Ja, Rüegsegger kennt seine Klientel. Und sieht es als seine Mission, dass diese sich mehr um sexuell übertragbare Krankheiten kümmert. Dieser Einsatz eines angehenden Pensionärs für die Gesundheit der Prostituierten rührt einen irgendwie. Zumal Rüegsegger selber sagt, dass sich im Milieu heutzutage kaum jemand noch um die Gefahr einer Ansteckung mit dem HI-Virus oder Hepatitis schert.

«Reporter» hat mit diesem Beitrag einen interessanten Protagonisten gefunden, der durchaus mehr im Mittelpunkt hätte stehen dürfen. Zudem: Eine etwas weniger reisserische Sprache der «Off»-Stimme («die ungarischen Dirnen können kaum Deutsch, dafür etwas französisch») und überhaupt ein bisschen weniger Gesprochenes, dafür ein paar aussagekräftige Szenen mehr – dann hätte aus einem netten Porträt über einen netten Polizisten eine eindrückliche Reise in eine unromantische Welt werden können.

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