Die Polizisten als Randfiguren

Alles verkehrt im Stuttgarter «Tatort»: Im Zentrum von «Der Mann, der lügt» stand für einmal der Verdächtige. Spannend war es trotzdem.

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Wie ist das, wenn man Besuch von der Polizei erhält? Jakob Gregorowicz wird im Büro aufgesucht, die beiden Ermittler sind am Morgen schon da und wollen etwas wissen zu einem Termin, den sie in Zusammenhang mit einem Verbrechen im Kalender gefunden haben. «Davon weiss ich nichts, es muss ein Irrtum sein», sagt der Befragte. Ach so. Die Polizei zieht höflich wieder ab. Das wars.

Nein, das war es natürlich nicht. Aber seltsam, wir folgen nach diesem Besuch nicht wie gewohnt dem Stuttgarter Ermittlerduo Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare). Wir bleiben bei dem nun offenbar entlasteten Befragten Gregorowicz, sehen, wie er bei der Villa, wo das Verbrechen geschah, vorbeifährt und begleiten ihn zum Tennis mit seiner Frau. Nach dem Match steht die Polizei schon wieder da. Und überführt ihn der ersten Lüge. Bald folgen mehr.

Im Visier: Jakob der Lügner

Der Mann heisst Jakob und ist offensichtlich ein Lügner. Aber ist er auch der Mörder des Anlageberaters, der in seiner Villa im Blut lag? Bald sind wir sicher, denn Jakob verstrickt sich immer mehr in Widersprüche, tischt ständig noch mehr Lügen auf: der Polizei, der Ehefrau, seinen Freunden. Dann zweifeln wir doch, andere verhalten sich ebenfalls verdächtig, auch sie hatten eine Rechnung offen mit dem dubiosen Finanzjongleur. Aber warum, verdammt, benimmt sich dieser vom österreichischen Schauspieler und Musiker Manuel Rubey mit verzweifelter Ruhe gespielte Verdächtige so unbeholfen? Oder ist das nur ein smarter Trick, um die Polizei irrezuführen?

Es ist eine einfache, aber überzeugende Umkehrung, die sich Regisseur Martin Eigler und Drehbuchautor Sönke Lars Neuwöhner zum 10-Jahr-Jubiläum des Stuttgarter Ermittlerduos ausgedacht haben. Erzählt wird ganz aus der Perspektive des Verdächtigen, die Polizisten tauchen fast nur am Rande auf. Dafür mit steigender Häufigkeit. Sie bleiben dabei höflich, keine fiesen Spiele, keine brutalen Guter-Polizist-Böser-Polizist-Verhöre. Der Verdächtige allerdings kommt immer mehr in Bedrängnis.

Immer mehr im Netz der Polizei

Es bleibt tatsächlich spannend, bis zur allerletzten Enthüllung. Wenn man etwas kritisieren kann an diesem «Mann, der lügt», dann einige überflüssige Einblendungen aus der Gedankenwelt des Verdächtigen, die penetrant illustrieren, was man schon wusste. Und vielleicht war die Logik, vom Ende her gesehen, nicht überall gewährt. Aber das ist egal. Zu froh ist man, dem Netz entkommen zu sein, das die Polizei so sanft, aber bestimmt auslegte. Und in dem bald nicht nur Jakob zappelte, sondern auch das TV-Publikum. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.11.2018, 21:54 Uhr

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