Die offeneren Girls

Wie die Serie «Girls» zeigt «Broad City» Frauen in ihren Zwanzigern in New York – mit Witz, Weed und Vulgarität.

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In den USA ist sie bereits ein Riesenerfolg, in der Schweiz wird sie wohl nur Serienaficionados ein Begriff sein: Die Sitcom «Broad City». Sie zeigt junge Frauen in New York im Prekariat. Kennt man das nicht schon? Lena Dunham wurde ja mit «Girls» bejubelt für die Ehrlichkeit der Darstellung von Mittzwanzigern, die im urbanen Dschungel (über)leben. Auch Abbi Jacobson und Ilana Glazer, die Köpfe hinter «Broad City», erzählen Geschichten in einer ungeschönten Version der Metropole und übernehmen gleich selbst die Hauptrollen. Fünf Gründe, warum ihre Sitcom den HBO-«Girls» den Rang abläuft:

1. Low-Budget-Ästhetik

«Broad City» ist ungeschliffener, derber und origineller. Während Lena Dunham ihre Karriere im Loft ihrer Eltern im New Yorker Stadtteil Tribeca startete und mittlerweile erfolgreiche Regisseurin, Bestsellerautorin und Stilikone ist, mühten sich Glazer und Jacobson mit Jobs im Bereich SEO und Social Media ab, lernten sich bei einer Institution für Improvisationstheater kennen und starteten «Broad City» nur nebenbei als Webserie auf Youtube.

Erst nach unermüdlicher Pressearbeit und einer starken Community auf Facebook gelang es ihnen, Comedienne Amy Poehler («Parks and Recreation») als Executive Producer zu gewinnen und aus «Broad City» eine TV-Adaption zu machen. Was auf den ersten Blick nachteilig erscheinen mag, stellte sich in Wirklichkeit als Qualität von «Broad City» heraus. Die Low-Budget-Ästhetik verleiht der Serie eine Do-it-yourself-Authentizität, die eine intensive Nähe zum (Internet-) Zuschauer aufzubauen vermag.

2. Draufgängerisch in die Unabhängigkeit

Die DIY-Ästhetik von «Broad City» spiegelt sich auch in den Figuren wider. Während Protagonistin Hannah Horvath in «Girls» wegen schlecht bezahlter Praktika lieber weiterhin Geld von ihren Eltern erhalten würde, lernt man die «Broad City»-Mädchen Abbi und Ilana von Beginn an als eigenständige Frauen kennen, die zwar gewohnheitsmässig pleite, aber auf ihre eigene, unbeholfene Art unabhängig sind. Sie halten sich mit mühsamen Tagesjobs über Wasser, trommeln auch mal auf leeren Eimern im Park oder putzen in Unterwäsche für ein paar Dollar die Wohnung eines komischen Craigslist-Typen in Windeln (Fred Armisen). Die draufgängerische Art von Ilana und Abbi lassen Hannah und Co. ziemlich brav aussehen.

3. Individuen statt Stereotype

Dunham erschuf in «Girls» interessante Figuren, die sich bemühen, cool zu wirken, während sie sich mit existenziellen Fragen rumschlagen – jede mit ihren eigenen Ticks und Neurosen. Schnell fielen sie jedoch in klischeehaftes Verhalten. Abbi und Ilana dagegen sind komplexe Figuren. Abgesehen davon, dass Abbi der ruhigere und Ilana der extrovertierte Charakter ist, stellen sie aussergewöhnliche Figuren dar, die sich auf bizarre und tollpatschige Art das Leben schwer machen.

Abbi beispielsweise arbeitet in einem Fitnesscenter und kümmert sich dort meist um das verstopfte Klo, erinnert sich mit einem Post-it auf dem Vibrator ans Masturbieren und verfolgt nebenbei den Traum, Illustratorin zu werden. Die hedonistische Ilana «arbeitet» bei einem E-Commerce-Unternehmen namens Deals, Deals, Deals und treibt ihre Kollegen regelmässig an den Rand der Verzweiflung, wenn sie mal wieder zwei Stunden Pause macht oder während der Arbeitszeit einen anderen Job als Hundesitter annimmt. Sie lehnt das Mantra der Selbstoptimierung ab und perfektioniert lieber ihren Marihuanakonsum.

4. Hommage an die Freundschaft

Zu Beginn waren die Beziehungen zwischen den «Girls» glaubwürdig. Spätestens in der vierten Staffel jedoch verblassen die Farben auf dem Freundschaftsporträt der vier Mädchen. Viel Drama, Geheimniskrämerei und Zank. «Broad City» hingegen ist eine Hommage an die Freundschaft, es ist eine Liebesgeschichte zwischen zwei besten Freundinnen. Vielleicht wirken Abbi und Ilana mit Videochatten während des Sex und ein paar bisexuellen Gesten bisweilen etwas unglaubwürdig, aber die Botschaft ist klar: Hier gehts um eine unzertrennliche Freundschaft.

5. Direkter, absurder Humor

Während der Humor in «Girls» subtil über den Dialog vermittelt wird, ist er in «Broad City» direkter. Er wird vor allem körperlich ausgedrückt. Witzige Beispiele finden sich vor allem in der sexuellen Offenheit von Ilana, die nichts bereut, dafür umso mehr ausprobiert. Aber auch Abbi sorgt mit ihrem Körper für Lacher. Als sie feststellt, dass der lästige Freund ihrer Mitbewohnerin sich nicht in der Wohnung befindet (er ist eigentlich immer da, das ist der Running Gag), geniesst sie die Privatsphäre pudelnackt und tanzt zu Lady Gagas «The Edge of Glory».

Fazit: Beide Serien behandeln auf humoristische Weise die Welt der Generation Y und deren technischen Schnickschnack, absente sexuelle Normen und «Quarter life crisis» nach der Ausbildung. «Broad City» gelingt das derzeit noch treffender als «Girls». Anfang Juli hat «Broad City» Deutschlandpremiere auf dem Sender «Comedy Central».

DerBund.ch/Newsnet

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