Die Jackson-Doku im SRF-«Club»

Was macht «Leaving Neverland» mit uns? Muss die Musikgeschichte neu geschrieben werden? Grosse Fragen in der TV-Debatte.

Der «Club» über den Dokfilm «Leaving Neverland» mit (v.l.n.r.) Oliver Rosa, Eric Facon, Regula Schwager, Moderatorin Barbara Lüthi, Ueli Meier, Elisabeth Bronfen und Martin Wyss. (Bild: Screenshot SRF)

Der «Club» über den Dokfilm «Leaving Neverland» mit (v.l.n.r.) Oliver Rosa, Eric Facon, Regula Schwager, Moderatorin Barbara Lüthi, Ueli Meier, Elisabeth Bronfen und Martin Wyss. (Bild: Screenshot SRF)

Ane Hebeisen

Wird der Dokfilm «Leaving Neverland», in welchem zwei junge Männer Michael Jackson des sexuellen Missbrauchs bezichtigen, die Musikgeschichte verändern? Darf man angesichts der happigen Vorwürfe, die da erhoben werden, Jacksons Musik noch ausstrahlen oder geniessen? Muss ein Künstler moralisch einwandfrei sein, damit man dessen Werk Aufmerksamkeit schenken darf? Diese Fragen sollte «Club» des Schweizer Fernsehens klären – und es ist unschwer zu erraten, dass auf eine derartige Fragestellung keine eindeutigen Antworten produziert worden sind.

Das liegt zunächst einmal am Film selber. Dessen Macher haben zwar ein Werk geschaffen, das sich vier Stunden lang der beiden Opfer annimmt, sie haben es aber offenbar versäumt, auch im erweiterten Umfeld zu recherchieren. Und so verkommt der erste Teil der Diskussion zum grossen Werweissen, ob die Dokumentation nun genügend Beweismaterial liefert, um den Vorwurf gegen Jackson zu erhärten. Der meistgehörte Satz: «Man weiss es nicht.»

Wäre ein Boykott inkonsequent?

Die Psychologin Regula Schwager sieht jedenfalls keinen Grund, an der Glaubwürdigkeit der Opfer zu zweifeln, zu sehr gleiche das Muster der Akte Jackson den über tausend Fällen, denen sie als Co-Leiterin einer Beratungsstelle für ausgebeutete Kinder und Jugendliche jährlich begegne. Der Michael-Jackson-Fan Ueli Meier wittert dahingegen finanzielles Interesse bei den mutmasslichen Opfern. Irgendwo dazwischen liegt die Einschätzung des Staatsanwalts Martin Wyss, der mit der erstaunlichen Bemerkung aufwartet, dass die Unschuldsvermutung kein absolutes Gut sei: «Wenn ich Unschuld vermute würde, wäre ich als Staatsanwalt voreingenommen».

Nun denn. Klären wird man den Fall nicht mehr können. Und das grosse Vielleicht, das schon seit den frühen Neunzigerjahren über der Unbescholtenheit des Michael Jackson baumelt, irritiert denn auch die restliche Diskussion. Irgendwann kommt die Runde immerhin zum Schluss, dass ein Boykott von Michael-Jackson-Titeln – wie es von verschiedenen ausländischen Radiostationen beschlossen worden ist – ein etwas unpräzises moralisches Zeichen sei. In dieser Konsequenz müsste man auch das Œuvre eines Elvis (er hatte ein Verhältnis mit einer Minderjährigen) oder eines James Brown (er schlug mehrmals seine Frau spitalreif) aus dem Verkehr ziehen, ausserdem wären unsere Museen und Bibliotheken etwas weniger üppig belegt. Wenn ein Boykott angebracht wäre, dann höchstens im Falle von Musik, die kriminelle oder bedenkliche Inhalte transportiere.

Moralische Integrität des Künstlers

Versuche, die Diskussion gesellschaftlich auszuweiten, führen allesamt in Sackgassen mit tiefen Schlaglöchern. Der Wirbel rund um den Fall Jackson passe zum momentanen Zeitgeist der Anschuldigungskultur und der politischen Korrektheit, wird einmal behauptet – und die moralischen Massstäbe seien ohnehin stetig im Wandel. Und wieder muss die Psychologin eingreifen mit dem Vermerk, dass es sich bei Kindsmissbrauch nun nicht um eine moralische Bagatelle, sondern schlicht um ein Verbrechen handle.

Der interessanteste Einwurf kommt irgendwann ausgerechnet von Moderatorin Barbara Lüthi: Es werde erwartet, dass die Kunst das Leben überzeichne, im Guten wie im Bösen, in seiner Erhabenheit wie auch in seiner Schrecklichkeit. Doch von den Urhebern werde stets moralische Tadellosigkeit erwartet. Warum dem so sei, konnte niemand beantworten. Vielleicht liegt es daran, dass der Freipass der Kunst, sich auch in die tiefsten Abgründe des Seins zu bewegen und diese zu reflektieren, wohl eine gewisse moralische Integrität des Künstlers voraussetzt.

Keine Abgründe in Jacksons Musik

Im Falle von Michael Jackson finden sich indes im gesamten musikalischen Werk kaum Anzeichen auf eine dunkle Seite. Auch das sei übrigens kein untypisches Phänomen, sagt die Psychologin. Die Täter seien meist die, die als besonders harmlos gegolten hätten.

Jackson hat in seiner langen Karriere vielleicht zwei wirklich gute Alben hervorgebracht. Seine Tourneen in den Neunzigern waren beileibe nicht immer ausverkauft, und in den Nullerjahren verkaufte beispielsweise ein Manu Chao in Europa weit mehr Alben als der King of Pop. Es gibt um diesen sonderbaren, vom Leben gebeutelten Menschen viel Verklärung, Verblendung und einen fast schon religiösen Star-Kult. Der Film und der «Club» legen nahe, dass sich zumindest das in der nächsten Zeit ein wenig legen dürfte. Die Musik, die wird weiterleben, sie sei zu sehr mit den Biografien ihrer Fans verflochten, sagt Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen. Am Samstag wurde Michael Jackson 34 Mal im Schweizer Radio gespielt. Das zeugt nicht von mangelnder Moral, sondern eher von mangelndem Ideenreichtum der Musikredaktoren.

Der «Club» zum Thema «Genie oder Monster: Was bleibt von Michael Jackson» ist online auf Play SRF zu sehen. Am Dienstag um 22.25 Uhr wird die Sendung auf SRF 1 gezeigt.

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