«Die Gesundheit von Cornelia Boesch hatte Priorität»

Wie konnte es so weit kommen, dass Moderatorin Cornelia Boesch im Studio kollabierte? «Tagesschau»-Leiter Urs Leuthard sagt, was hinter den Kulissen ablief.

Plötzlich erkrankt: Die «Tagesschau»-Sendung mit Moderatorin Cornelia Boesch musste abgebrochen werden. (Video: SRF)

Lena Rittmeyer@LaRittmeyer

Die «Tagesschau» wurde gestern abrupt abgebrochen, weil es der Moderatorin Cornelia Boesch schwarz vor Augen wurde. Wie wichtig ist es, dass die Sendung live ist?
Ich kenne keine einzige Nachrichtensendung, die nicht live ist. Das ist auch bei der «Tagesschau», die so nahe an der Aktualität des Weltgeschehens ist, absolut zwingend. Alles andere würde an der Glaubwürdigkeit der Sendung kratzen.

Mit einigen Sekunden Verzögerung hätten Sie einen Ausfall wie denjenigen von Frau Boesch überbrücken können.
Der Zuschauer würde sich bei einer zeitversetzten Ausstrahlung der News fragen: Haben die was rausgenommen? Ist das noch glaubwürdig? Deshalb kommt für uns nur eine Livesendung infrage.

Sascha Ruefer hat nach Boeschs Ausfall direkt zum Sport übergeleitet, und die Sendung wurde frühzeitig beendet. Warum konnte Ruefer nicht für Boesch einspringen?
Cornelia Boesch wurde während des Interviews mit Ausland-Korrespondent Werner van Gent schwarz vor den Augen. Sie sackte ohnmächtig zusammen, und es dauerte ein paar Minuten, bis man abgeklärt hatte, wie es gesundheitlich um sie steht und ob die Situation dramatisch ist. Natürlich hätte Sascha Ruefer die Sendung zu Ende bringen können. Dass die Tagesschau abgebrochen wurde, ist kein Misstrauensvotum gegen ihn. Vor allem darf man nicht vergessen, wie hektisch das Ganze am Sonntag ablief. Die Crew musste innert kürzester Zeit entscheiden, wie es weitergeht. Man brach die Sendung ab, weil die Gesundheit von Cornelia Boesch Priorität hatte.

Auch anwesend ist jeweils ein Vertreter der Sendung «10vor10».
Das ist nur unter der Woche so. Am Wochenende gibt es kein «10vor10».

Was sind die schwierigsten Momente einer Livemoderation?
Das Schwierigste an einem Moderationsjob ist, dass man durch einen hoch durchstrukturierten Ablauf führen und dabei auf unvorhergesehene Situationen reagieren muss. Und diese gibt es zu Tausenden.

Gibt es bei Ihnen einen Grundsatz, nach dem man handelt, wenn vor der Kamera etwas schiefläuft?
Dass SRF eine «Tagesschau»-Sendung abbrechen musste wegen eines solchen Krankheitsfalls, ist das erste Mal in seiner 61-jährigen Geschichte. Natürlich kann man gewisse Grundsätze festlegen, wie man reagieren sollte, aber jede Situation ist wieder anders, letztlich muss man situativ darauf reagieren.

Zuschauer machen heute oft per Social Media auf ungewöhnliche Ereignisse am Fernsehen aufmerksam. Erhöht ein drohender Shitstorm den Leistungsdruck für Moderatoren?
Die «Tagesschau» hat durchschnittlich 700'000 Zuschauer pro Ausgabe, das ist schon ein grosser Druck. Ich denke nicht, dass Social Media diesen zusätzlich steigern. Was sich verändert hat, ist aber, dass man viel schneller reagieren muss.

Laut «Watson» waren drei der vier «Tagesschau»-Moderatoren in den Ferien. War Cornelia Boesch überarbeitet?
Es stimmt, dass Cornelia Boesch kürzlich zehn Tage am Stück gearbeitet hat, aber aus dem Grund, dass Franz Fischlin mit einer schweren Grippe im Bett lag. Frau Boesch hat für ihn überbrückt. Dazwischen hatte sie aber drei Tage Pause, Herr Fischlin hat seine Ferien um einen Tag verschoben, damit sie sich erholen konnte. Jetzt liegt sie mit hohem Fieber im Bett. Ihr Blackout gestern hatte meiner Meinung nach damit zu tun, nicht mit Überarbeitung.

Ist das Anchorman-Prinizip, also dass eine Sendung wie die «Tagesschau» möglichst wenige Präsentationsgesichter hat, wirklich umsetzbar?
Absolut. Vor anderthalb Jahren wurde das Moderationsteam von fünf auf vier Leute reduziert. Die «Tagesschau» wurde aber schon vorher lange Zeit von nur vier Moderatoren bestritten. Jetzt ist einfach eine spezielle Situation, da die Grippe zugeschlagen hat. Es ist schlicht dumm gelaufen.

DerBund.ch/Newsnet

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