Der Nerd in seinen jüngsten Jahren

Meisterserienmacher Chuck Lorre hat uns schon «The Big Bang Theory» beschert, jetzt startet seine neue Sitcom «Young Sheldon».

Komik und Melancholie: Iain Armitage als Sheldon in der Sitcom «Young Sheldon». Foto: CBS Photo Archive, Getty Images

Komik und Melancholie: Iain Armitage als Sheldon in der Sitcom «Young Sheldon». Foto: CBS Photo Archive, Getty Images

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Was bei einer Begegnung mit Chuck Lorre sofort auffällt, das ist dieser Blick. Es sind zwar Spitzbubenaugen, die einen da ansehen, es ist aber kein Spitzbubenblick. Er mustert einen aufmerksam, so wie der Verkäufer im Klamottenladen einen Kunden mustert. Höflich, gewiss, aber dennoch konzentriert und stets auf der Suche nach einem Hinweis, welchen Kleidungsstil und welche Grösse er gleich empfehlen muss. Irgendwann während dieser Begegnung lächelt er, als hätte er das perfekte Stück für einen gefunden. Hab ich dich!

Lorre ist der König Midas des amerikanischen Unterhaltungsfernsehens, er ist Autor bei «Roseanne» gewesen und hat unter anderen die Serien «Cybill», «Dharma & Greg», «Two and a Half Men», «Mom» und «The Big Bang Theory» erfunden. Es heisst ja immer wieder, dass die traditionellen Schmunzelserien vom Aussterben bedroht seien in Zeiten aufwendiger Fantasythriller wie «Game of Thrones» oder inno­vativen Science-Fiction-Horrors wie «Stranger Things». Das aktuelle Projekt von Lorre heisst «Young Sheldon», es ist eine traditionelle Schmunzelserie über den neun Jahren alten Sheldon Cooper.

Die erwachsene Variante des hyperintelligenten und hyperneurotischen Genies kennen die Zuschauer aus «The Big Bang Theory». Ein Prequel also, bei uns jeweils am Montag auf Pro 7 zu sehen. In den USA wollten 22,46 Millionen Menschen die erste Folge innerhalb einer Woche nach Erstausstrahlung sehen, bei der siebten Episode waren es immer noch erstaunliche 16,2 Millionen. Lorre verwandelt ganz offensichtlich nicht nur vieles zu Gold, er ist auch immun gegen den Meteor, der Sitcoms auslöschen soll.

Das Komische im Tragischen

«Ich mag dieses Kannibalisieren erfolgreicher Formate nicht», sagt er. «Wer eine erfolgreiche Show hat, der sollte sie schützen.» Lorre spricht leise, als würde er ein Geheimnis verraten. Vielleicht macht er das aber auch nur, damit sich sein Gesprächspartner nach vorne beugt und durch einen Blick verrät, was er von dieser Antwort hält. Lorre weiss, dass auf diese Aussage nur die Frage folgen kann, warum er, wenn er das Kannibalisieren nicht leiden kann, eine Serie über den jungen Sheldon dreht: «Jim Parsons, der in ‹The Big Bang Theory› den erwachsenen Sheldon verkörpert, hat einen hochintelligenten Neffen in Texas. Das hat zu Diskussionen geführt, ob wir nicht die Vorgeschichte von Sheldon erzählen sollten, der ja auch in Texas aufgewachsen ist.»

Video: Trailers zu Young Sheldon

Da macht sich einer keine Freunde: Der junge Sheldon geht zur Schule. Video: Youtube/Series Trailer MP

Es ist tatsächlich, das zeigen die ersten Episoden, weniger ein Rückblick auf die Kindheit, sondern wie so oft bei Lorre die Charakterstudie faszinierender Menschen, die sich in einer Welt zurechtfinden müssen, die nicht recht weiss, wie sie mit diesen Typen umgehen soll. Da gibt es etwa eine Folge, in der Sheldon aufgrund seiner ausserordentlichen mathematischen Fähigkeiten der Footballmannschaft seiner Schule zu überraschenden Siegen verhilft – und plötzlich populär ist. Die Jungs feiern ihn, er wird freudig abgeklatscht und von hübschen Mädchen geknuddelt. Seine Reaktion: «Es war ein Albtraum!»

Chuck-Lorre-Serien beinhalten, bei aller Komik, stets eine Melancholie, die sie von Wohlfühl-Sitcoms abhebt. In «Two and a Half Men» geht es letztlich um die Angst vor Einsamkeit, in «Mom» um Sucht, in «The Big Bang Theory» um Entfremdung. Lorre findet das Komische im Tragischen, wenn etwa der kleine Sheldon an einer Erdnuss zu ersticken droht und als scheinbar letztes Bild seines Lebens angewidert feststellt, dass sein Bruder George das angeleckte Messer wieder in die Marmelade steckt.

«Ich hatte zu Beginn keine Ahnung, was ich da tat.»Chuck Lorre

Wer wissen möchte, wie aus Lorre ein virtuoser Serienerfinder geworden ist, der sollte die Geschichte von Young Chuck kennen. Er sah als junger Mann einen Sketch in der «Ed Sullivan Show», in dem Henny Youngman zu einem Arzt sagt: «Wenn ich das hier mache, dann tut es weh.» Und als Antwort hört: «Dann mach das halt nicht.» In einem Interview mit dem «New Yorker» sagt Lorre über diesen Moment: «Das war das Lustigste, was ich jemals in meinem Leben gehört habe. Die Logik dieser Aussage war einfach nur erstaunlich.»

Lorre brach das Studium ab und versuchte sich jahrelang als Musiker und Komponist. Er schrieb den Titelsong zur Comicserie «Teenage Mutant Ninja Turtles». Zum Fernsehen kam er, zumindest behauptet er das, weil er seine Familie krankenversichern wollte: «Ich hatte zu Beginn keine Ahnung, was ich da tat.» Er fiel als Autor auf, weil seine Drehbücher jene düstere Trübsal enthielten, wegen der «Roseanne» als eine der faszinierendsten Serien der Geschichte gilt.

Wer Lorre bei der Arbeit beobachtet, der bemerkt: Er lacht oft und sehr laut, sehr häufig aber sitzt er vor einem Monitor und beobachtet eine Szene, so wie ein Schachspieler die Entwicklung einer Partie verfolgt. Er achtet aufmerksam auf die Reaktionen des Publikums und nimmt dem Protagonisten schon mal einen überdurchschnittlich witzigen Satz weg, wenn er glaubt, dass eine andere Figur etwas noch Lustigeres sagen könnte. Wenn die Zuschauer dann lachen, dann weiss Lorre: Hab ich euch!

Erzählerstimme des erwachsenen Sheldon

Der beste Tipp für eine erfolgreiche Karriere ist neben der beruflichen Variante zu Henny Youngmans Sketch («Finde heraus, was du nicht kannst – und dann mach das halt nicht») der unvergessene Ratschlag von Bruce Spring­steen: «Betrachte das, was du tust, als die wichtigste Sache der Welt. Sei dir aber bewusst, dass es andere nicht für die wichtigste Sache der Welt halten.» Die Serien von Lorre sind deshalb komisch, weil Lorre ernst nimmt, was er da tut. Für ihn ist es nicht nur Fern­sehen. Es ist viel mehr. Das zeigt sich auch bei den «Vanity Cards», die Lorre anstatt eines Firmenlogos nach vielen Episoden veröffentlicht. Es sind kleine Notizen, oftmals belanglos, sehr häufig auch nachdenklich, bisweilen auch böse Spitzen gegen Donald Trump.

«Young Sheldon» soll keine Wohlfühlserie sein, sondern viel mehr. «Die einzige Verbindung zu ‹The Big Bang Theory› ist die Stimme von Jim Parsons als Erzähler», sagt Lorre. Sie lehnt sich eher an andere Coming-of-Age-Serien wie «Malcolm in the Middle» an, die ersten Episoden deuten an, dass sich Komik und Tragik abwechseln und eine Studie über eine faszinierende Zeit im Leben eines faszinierenden Menschen ergeben könnten. «Man muss als Autor die Figuren ernst nehmen und gernhaben – und sie sich entwickeln lassen», sagt Lorre: «Wer etwa ‹Cheers› guckt, der will in dieser Bar mit Cliff und Norm sitzen. Auch wenn sie alle irgendwie Verlierer sind, helfen sie sich gegenseitig.

Man möchte als Zuschauer Teil dieser Gemeinschaft sein.» Wer durch den Schauplatz von Young Sheldon wandert, durch die Bibliothek und das Klassenzimmer, wer Sheldon-Darsteller Iain Armitage dabei erwischt, wie er mit seiner TV-Schwester Raegan Revord feixt; wer die ersten Folgen guckt, der wird von seiner Erinnerung angestupst. Weisst du noch, damals: Kindheit, Schule, Freunde, Bruder. Traurig, lustig. Hach! Da hat er uns mal wieder, dieser Chuck Lorre.

Jeden Montag, 20.45 Uhr auf Pro 7. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.01.2018, 20:14 Uhr

Serienschöpfer Chuck Lorre

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