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Der Aussenseiter unter den Randständigen

Das SRF hat einen «freiwilligen» Obdachlosen während eines Jahres begleitet. Der «Mann unter der Brücke» lässt jedoch mehr Fragen offen, als er beantwortet.

Der obdachlose Peter Hämmerli unter der Brücke, die er sein Heim nennt.
Der obdachlose Peter Hämmerli unter der Brücke, die er sein Heim nennt.
SRF

Im neuen «Reporter» begleitet das SRF den 65-jährigen obdachlosen Peter Hämmerli während eines Jahres. In der allgemeinen Wahrnehmung haben Obdachlose entweder eine Familientragödie erlebt, haben Sucht- oder Geldprobleme. Nicht so Peter Hämmerli. Er sei «einfach ein Aussteiger», heisst es aus dem Off. Er raucht nicht und trinkt nur selten Alkohol. Von anderen Obdachlosen grenzt sich Peter Hämmerli konsequent ab. Doch «der Tscheche» macht ihm zu schaffen. Ein mysteriöser Obdachloser, der ihm Sachen stiehlt und Löcher in seine Kleider macht.

Peter Hämmerli wird zu seinem Waschritual an der Limmat und bei seinem regelmässigen Rundgang auf der Suche nach Nahrung durch die Langstrasse begleitet. Auch sein «Heim» unter der Brücke wird gezeigt. «Ich wohne hier. Es stört mich zwar, den Ausdruck habe ich nicht gern. Faktisch und praktisch wohne ich aber hier.» In eine betreute Wohngemeinschaft will er nicht, er würde es nicht aushalten und nach drei bis vier Wochen wieder verschwinden. Die Vorstellung, die Strasse zu verlassen, scheint ihm «irreal». Doch abgeneigt wäre er nicht, die Strasse zu verlassen, im Gegenteil: «Ich weiss nicht, wie ich jemals da raus komme.»

«Was fehlt, sind Antworten»

Die Macher begleiten den 65-Jährigen hauptsächlich durch den Alltag, nicht jedoch in die Vergangenheit. Der einzige Moment, in dem er ein wenig Persönliches erzählt, bringt ein wenig Klarheit in die ansonsten trübe Geschichte. Es habe im Zürich der 1950er Jahre keinen Platz gegeben für Jugendliche, die sich anders fühlten. Ein delikates Thema für Peter Hämmerli. Nach einer zufälligen Begegnung mit einem schwarzafrikanischen Mann an der Langstrasse bestätigt er die Vermutung, dass ihm Männer besser gefallen als Frauen. «Aber nur zum schnure», relativiert er gleich wieder. Nun kann man sich vorstellen, wegen welcher verstaubter Wertvorstellungen Peter Hämmerli die Einsamkeit und Isolation suchte. Nur bestätigt wird es nicht.

Was nach dem in knapp 23 Minuten verpackten Jahr bleibt, ist die Geschichte eines einsamen Mannes, dessen Tagesablauf geschildert wird. Und es bleiben Verdachte: Dass er die Einsamkeit weniger gut verträgt, als er tut. Dass er die Einsamkeit gleichzeitig sucht und verflucht. Dass er häufiger an seine Grenzen stösst, als er zugibt. Bis zum Ende erfährt man nicht, ob «der Tscheche» tatsächlich existiert. Man erfährt auch nicht, wieso der 65-Jährige urplötzlich Wutanfälle bekommt und das Kamerateam anschreit und wegschickt. Und vor allem erfährt man nichts über das wirklich Interessante - die Hintergründe für die selbst gewählte Isolation.

Sonntag, 30. April 2017, 21.40 Uhr, SRF 1

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